Eröffnungsrede 2013/14

Eröffnungsrede zum neuen Maurerjahr 2013/14

Reden ist Silber, Schweigen ist Gold.

Ist Reden Silber, ist Schweigen Gold?

Im Herbst 1914 befindet sich ein junger Flugzeugingenieur auf einem Wachtboot auf der der Weichsel. Seit Juli befindet sich Österreich – Ungarn im Krieg. Doch was den 25-jährigen jungen Mann gerade beschäftigt, ist nicht der Krieg, sondern ein Artikel über die Klärung eines komplizierten Verkehrsunfalls vor einem Pariser Gericht. Um den genauen Verlauf des Geschehenen zu rekonstruieren, stellt das Gericht den Unfall in Form eines Miniaturmodells nach. Spielzeughäuser, ein Spielzeuglastwagen, Spielzeugmenschen und ein Miniaturkinderwagen werden postiert und verschoben. Der Ingenieur ist fasziniert. Wie kann es sein, dass ein Modell die Realität abbildet? Nun erstens dadurch, dass die Figuren den realen Objekten genau entsprechen. Und zweitens, indem die Beziehung der Figuren zueinander mit den tatsächlichen Beziehungen der realen Objekte exakt übereinstimmt. Doch wenn man die Realität durch Figuren abbilden kann, lässt sie sich dann nicht auf die gleiche Weise mit den Figuren des Denkens, den Wörtern, abbilden? „Im Satz“, notiert er in sein Tagebuch, “wird die Welt probeweise zusammengestellt.“

Schweigen wäre Silber!

Ludwig Wittgenstein, der 1889 in Wien geborene Philosoph, rückte die Sprache in den Mittelpunkt der Philosophie. Radikaler als jeder Denker vor ihm, stellte er die sprachliche Formulierung in den Mittelpunkt des Denkens. Sein Traum war eine Präzisionssprache, die es ermöglicht die Realität in allen Lebensbereichen objektiv zu erfassen und zu beschreiben. Die Wörter und der Satzaufbau sollten die Wirklichkeit abbilden. Ein Satz würde die Wahrheit widerspiegeln.

Reden würde zu Gold!

Seine einseitige Sichtweise liess die Sprache nur als Ausdruck der Realität und von Tatsachen gelten. Sie sollte nur Ausdruck logischen Denkens und der genauen Beschreibung sein, wie sie zum Beispiel auf dem Gebiet der Naturwissenschaften möglich ist. Seine Bestrebungen scheiterten. Philosophie, Geisteswissenschaften, alles Immaterielle und metaphysische in einer präzisen Sprache zu vermitteln, ist unmöglich und führt ins Absurde. In der Evolution des Menschen hat sich die Sprache zur wichtigsten Mitteilungsmöglichkeit seiner subjektiven sozialen Bedürfnisse entwickelt. Einzelne Wörter, Symbole verbinden wir zu Sätzen und weiter zu Satzfolgen, die in ihrer Gesamtwirkung unsere Wahrnehmungen, unsere Emotionen und Reflexionen wiedergeben. Das Bedürfnis des Individuums mit seinen Angehörigen zu kommunizieren und der Gesellschaft anzugehören, hat die Sprachentwicklung bestimmt.

Die Sprache beschreibt alles Materielle und Immaterielle, Realität und Illusion. Die Grenzen unseres Wahrnehmungsapparates sind auch die Grenzen der von uns wahrgenommenen Welt. Mit der Sprache können wir diese Grenzen sprengen und neue Welten erschaffen.

Reden ist Gold! – Wäre unser Reden nur Silber, dann hätten wir wohl besser geschwiegen. Schweigen ist Gold!

Wo nicht geredet wird, kann nicht geschwiegen werden. Am Anfang war das Wort, nicht das Schweigen! Schweigen ist ein bewusster kommunikativer Akt, der die Fähigkeit zum Sprechen voraussetzt. Das Schweigen losgelöst von der Sprache existiert nicht. Schweigen im Gegensatz zum Aussprechen bedeutet etwas Bestimmtes nicht zu nennen und nicht auszudrücken. Das kann sich sehr vielfältig auswirken. Schweigen kann tugendhaft sein, es kann bewahren und schützen. Insbesondere wir Freimaurer denken in diesem Zusammenhang an Pamino und Papageno in der Zauberflöte. Zu schweigen fällt Papageno sehr schwer. Er drückt unmittelbar seine Gefühlsregungen in Worte, Gebärden und mit seinem Glockenspiel aus. Pamino hingegen bleibt standhaft, besonnen und verschwiegen und besteht die ihm auferlegten Prüfungen.

Papagenos Schwatzhaftigkeit bedeutet Silber und Paminos Schweigen Gold!

Wer schweigt kann sich aber auch schuldig machen. Schweigen kann dem Unrecht die Tore öffnen und menschliches Leid verursachen. Dazu gibt es zu viele Beispiele.

Wir betraten schweigend diesen Tempel. Der ehrw. M.v.St. begann unsere Tempelarbeit mit der Aufforderung: „Der Lärm der Strasse klingt noch in uns nach. Lasst uns stille werden.“ Die eingekehrte Ruhe lässt uns konzentriert über etwas nachdenken, uns der Musik zu öffnen und unsern Brüdern zuzuhören. Schweigen kann unsern Emotionen und Gedanken mehr Raum geben und uns ermöglichen, sie geordnet und verständlich in Worte zu fassen. Wir geben der Weisheit Raum und unsern Worten Sinn.

Die Lichter der Weisheit, der Kraft und der Schönheit mögen uns leuchten und unser Schweigen wie auch unser Reden zu gold werden lassen.

Aarau, 2. Oktober 2013 – C.P.

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