Freimaurer und Revolutionen

Freimaurer und Revolutionen

Haben die Freimaurer die franz. Revolution ausgelöst?

Die These, die Freimaurer hätten die französische Revolution ausgelöst, klingt ganz gewiss und vor allem heute verlockend – gerade für einen Freimaurer. Dass jede Revolution, nicht nur die amerikanische und die französische, sondern auch jede spätere, für sich in Anspruch nehmen kann, dass mindestens ein Freimaurer an ihr beteiligt gewesen ist, ist zwar richtig, doch die Annahme, die Freimaurer hätten die französische Revolution ausgelöst, ist nicht zutreffend. Richtig ist, dass die Enzyklopädisten, das heisst, die Aufklärer und damit die Wegbereiter der liberalen Ideen, Freimaurer gewesen sind. Persönlichkeiten wie Mirabeau, Lafayette, Condorcet, Tayllerand, Brissot und Bailly handelten in eigener Verantwortung; es ist weder anzunehmen noch zu beweisen, dass sie, ehe sie zur Tat schritten, ihre Loge konsultierten. Diesen und anderen Persönlichkeiten der französischen Revolution war bewusst, dass das neue Weltbild nach vorne drängen und das alte zum Weichen zwingen musste.

Blick von Europa nach Amerika

Die geistige Bewegung, die das ganze 18. Jahrhundert prägte, konnte nicht ohne Folgen bleiben. Innerhalb weniger Jahrzehnte veränderte sich die Welt in einer Weise, die niemand für möglich gehalten hätte: Die Inquisition lag in den letzten Zügen; die größten Denker kämpften im Namen der Vernunft gegen die Erstarrung der Kirche; immer mehr Menschen lernten lesen und dachten über das, was sie gelesen hatten, nach; der neue Kontinent war zu einer Zufluchtsstätte für die Armen, nicht nur Englands, sondern ganz Europas geworden. Hinzu kam, dass die Auswanderer nicht einfach von der Bildfläche verschwanden, sondern Berichte nach Hause schickten, wonach sie in einem Land lebten, welches „das absolute Elend, das schlimmer ist als der Tod“ (Crèvecoeur), nicht kenne. John Locke und Adam Smith hatten, vermutlich beim Anblick des allgemeinen Wohlstandes in den Kolonien der „Neuen Welt“, entdeckt, dass Arbeit nicht ein Teil der Armut sein muss, sondern die Quelle allgemeinen Reichtums sein kann.

In der Tat war auf dem neuen Kontinent eine neue Gesellschaft entstanden, in der Thomas Jefferson Aufzeichnungen zufolge „die Armen und die Reichen sich einer höchst angenehmen Gleichheit erfreuten“.

Wenn es einen Staat gibt, an dessen Schaffung Freimaurer einen entscheidenden Anteil hatten, dann an jener der Vereinigten Staaten von Amerika. Die Amerikanische Revolution berief sich auf „Freiheit“ und „Gleichheit“ und ist eng mit dem Namen Thomas Jefferson verknüpft. Thomas Jefferson war Freimaurer und hat den Entwurf der Unabhängigkeitserklärung ausgearbeitet. Der Entwurf wurde allerdings nicht exakt so angenommen, wie vorgelegt – und dennoch gehörten von den 56 Personen, welche die gemeinsam überarbeitete Unabhängigkeitserklärung unterzeichneten, 50 dem Bunde der Freimaurer an. Am 4. Juli 1776 erklärten die Vereinigten Staaten von Amerika ihre Unabhängigkeit und rissen damit sämtliche sozialen Schranken zwischen den Völkern und zwischen den Menschen innerhalb ihrer Gemeinschaft nieder; sie gaben sich eine demokratische Verfassung – ohne privilegierte Klasse.

Grundlage der Unabhängigkeitserklärung war, nebst der Verarbeitung von John Lockes Ideen – gleiche Rechte für alle, das Recht eines jeden Menschen auf Leben, Glück und Freiheit – auch die Anwendung der von Montesquieu entwickelten Lehre von der “ Teilung der Gewalten“.

Der erste Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, George Washington, war wie viele seiner Nachfolger auch, Freimaurer. Deutschland, Österreich und Russland

In Europa hatte sich im gleichen Zeitraum unter dem Druck der Aufklärung einiges getan:

Friedrich der Große von Preußen setzte alles daran, ein gerechter Herrscher zu sein; er wurde Freimaurer und zum Vorläufer der neuen Staatsform des aufgeklärten Absolutismus. Er schaffte die Folter ab, erlaubte die Heirat von Personen, die unterschiedlichen Kirchen angehörten und liess Ämter einrichten um all jenen, die wegen ihrer Religion verfolgt wurden, die Einwanderung nach Preußen zu erleichtern.

Joseph II., Sohn von Maria Theresia, Königin von Ungarn, Kaiserin von Österreich und des Freimaurers Franz Stephans von Lothringen, wehrte sich nach seiner Thronbesteigung gegen die Einmischung des Heiligen Stuhls in staatliche Angelegenheiten. Am 15. Oktober 1781 erließ Joseph II. das „Toleranzpatent“, das Juden und Protestanten die freie Religionsausübung zusicherte. Er löste Klöster auf, machte Schulen daraus und wandelte Konvente in Spitäler um.

Auch Katharina die Große verschloss sich dem neuen Zeitgeist nicht; sie verstaatlichte die kirchlichen Güter und garantierte gleichzeitig Religionsfreiheit.

Diese drei Herrscher waren Vertreter je einer Großmacht und es konnte nicht ausbleiben, dass ihr Trachten und Handeln Auswirkungen auf die Gesinnung der Könige und Völker anderer Länder hatte. Gemeinsam war diesen Regenten, dass sie für die Gleichheit aller Religionen eintraten, d.h., den Toleranzgedanken in die Tat umsetzten.

Frankreich

Jenen Regenten, die in ihren Staaten Reformen durchgeführt hatten, konnten Katastrophen vermeiden; den Herrschern über Frankreich gelang das nicht. In Frankreich tat sich die Regierung schwer mit dem neuen Zeitgeist. Das Volk lebte in bitterer Armut; das Königshaus und die von ihm Privilegierten wurden immer mächtiger und reicher. Jede Freiheitsbestrebung wurde mit Züchtigung und Folter unterdrückt.

Am 14. Juli 1789 erhob sich das französische Volk, um einen unhaltbaren Zustand zu beenden. Das furchtbare Elend und die quälende Armut, unter der die Massen litten, Jean Jacques Rousseau liess die Bürger, welche der Französischen Revolution den Weg geebnet hatten, der „Freiheit“ und „Gleichheit“ die „Brüderlichkeit“ hinzufügen. Am 20. August 1789 verabschiedete man das Gesetz, das den stolzen Namen „Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte“ trug und u.a. die Souveränität des Volkes, Gewissens- und Meinungsfreiheit, Rede- und Pressefreiheit und gerechte Steuerverteilung umfasste.

In dem Augenblick, in dem Robespierre erklärte, dass „alles zur Aufrechterhaltung des Lebens Notwendige Gemeingut sein müsse und dass nur der Überfluss als Privateigentum anerkannt werden dürfe“, sprach keiner mehr davon, dass das Ziel der Revolution „Freiheit“, „Gleichheit“ und „Brüderlichkeit“ sei; das Ziel hieß plötzlich „le bonheur du peuple“ und schon ging die Schreckensherrschaft los. Später hat Robespierre seinen Fehler eingesehen; er sagte: „Wir werden untergehen, weil wir in der Geschichte der Menschheit den Augenblick für die Gründung der Freiheit verpassten“. Robespierre, Diderot und Danton waren keine Freimaurer.

Während der Schreckensherrschaft der „Sansculottes“, sie dauerte vom Herbst 1789 bis Juli 1794, ruhte die Freimaurerei in Frankreich. Das heisst, die Mitglieder einiger Logen versammelten sich verbotenerweise im Verborgenen, obwohl jedes einzelne Mitglied wusste, dass es damit sein Leben aufs Spiel setzte.

In diesem Zeitraum, d.h., zwischen 1789 und 1794, kam zum Zuge, was vor allem Lessing als Brüderlichkeit beschrieben hat. Die Freimaurer waren zu Unterdrückten, zu Verfolgten, zu Ausgebeuteten geworden; jeder war auf die Verschwiegenheit des andern, jeder war auf die Hilfe des andern angewiesen. Der Druck der Verfolgung, das Ausgeschlossensein von dem, was ansonsten zwischen ihnen stand und gemeinhin Welt genannt wird, liess die Freimaurer näher zusammenrücken. Das heisst, dass das, was die Distanz zwischen den einzelnen Freimaurern im normalen Leben außerhalb der Loge für gewöhnlich bewirkt hat, zum Verschwinden gebracht worden ist, woraus sich jene Wärme, die so schwer zu beschreibende Atmosphäre der Menschlichkeit, die noch heute Brüderlichkeit genannt wird, hat entwickeln können. Diese Art der Brüderlichkeit, die im Zusammenhang mit der französischen Revolution immer wieder schwärmerisch hervorgehoben wird, machte die Erniedrigung für die Verfolgten zwar ertragbar, vermochte deren Befreiung jedoch nicht zu überleben.

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