Freier Mann von gutem Ruf

„Ein freier Mann von gutem Ruf…“

„Die als Mitglieder einer Loge aufgenommenen Personen müssen gute und aufrichtige Männer sein, von freier Geburt, in reifem und gesetzten Alter, keine Leibeigenen, keine Frauen, keine sittenlosen und übel beleumundeten Menschen, sondern nur solche von gutem Ruf.“

Dieser Satz ist in den „Alten Pflichten“ nachzulesen – und damit sind wir schon inmitten der heutigen Problematik, denn gelegentlich taucht die Frage auf, was, beziehungsweise wer eigentlich noch als freier Mann gelten kann und soll. Heute sind, im Gegensatz zu früher, alle Menschen grundsätzlich frei geboren, hätten also, sofern es sich um Männer handelt, die gut beleumundet sind, die Zulassungsvorschrift der alten Pflichten erfüllt. So gesehen, könnten wir jeden Mann mit gutem Ruf und tadellosem Leumund in unseren Bund aufnehmen. Trotzdem müssen wir uns überlegen, wie heutzutage „ein freier Mann“ zu definieren ist, was wir als frei betrachten, hat doch der Begriff „freier Mann“ eine andere Bedeutung, eine andere Dimension als zu Beginn des 17. Jh., als es noch Freie und Leibeigene gab. Um der Sache auf den Grund zu gehen, werde ich ausgehend von heute einen Blick zurück auf die Geschichte werfen.
Allein die Fähigkeit Geld zu verdienen, beziehungsweise über ein geregeltes Einkommen zu verfügen, hat keinen oder nur einen sehr geringen Zusammenhang mit der Eigenschaft als freier Mann zu gelten, vielmehr wird diese materielle Grundlage zum Bestreiten unseres Lebensunterhalts durch Arbeit erreicht oder durch bestimmte Gegebenheiten im Gesellschaftsvertrag in unserer modernen Gesellschaft, wie etwa das Überschreiten des Pensionsalters. Es ist also die Arbeit, die dem Erhalte des eigenen Lebens und demjenigen der Familie dient; es ist die Arbeit, welche letztlich unsere Freiheit beschneidet, für den einen etwas mehr, für den anderen etwas weniger.

Nach Aristoteles hatte ein freier Mann d.h. ein Mann der unabhängig war von den Notdürften des Lebens und den von ihnen geschaffenen Verhältnissen, drei mögliche Lebensweisen, zwischen denen er wählen konnte: das Leben, welches im Genuss und Verzehr des körperlich Schönen dahingeht; das Leben, das innerhalb der Polis schöne Taten erzeugt und das Leben des Philosophen, der sich durch Schauen und Erforschen des Unvergänglichen in einem Bereich immerwährender Schönheit aufhält. Das heisst, ein freier Mann hatte immer und zu jeder Zeit Herr seines Lebens und seiner Lebenszeit zu sein.

Auch später noch wurden Berufsgattungen politisch eingeschätzt; man machte einen Unterschied zwischen Berufen „die den freien Mann nicht schänden“ und Berufen, welche der Erhaltung des Lebens, d.h., der Lebensnotdurft dienten. Erstere dienten nicht dem was Freie und Unfreie notwendigerweise benötigten, um das Leben zu fristen. Fast alle Berufe, mit Ausnahme der Berufe der Kunst (Baukunst, Heilkunst etc.), galten als „knechtisch“, denn diese wurden nur ergriffen um den Lebensunterhalt zu verdienen oder dem, was dem Erhalt des Lebens notwendigerweise diente, wobei es gleichgültig war, ob dies durch Schreiben oder Tischlern geschah. Am schlechtesten kamen die Leute weg, die Berufe wie Fischer, Fleischer, Köche und Geflügelhändler ausübten, über deren Nützlichkeit sich sicher niemand im Unklaren sein dürfte, die aber an eine unabdingbare Notwendigkeit gekoppelt sind. Noch niedriger wurde die Arbeit des Hausgesindes geschätzt.

Die Bürokratie forderte immer mehr Kräfte, die Schreibarbeiten aller Art und Geldgeschäfte erledigten. Diese wurden den des Schreibens und Lesens kundigen Sklaven überlassen, denn Büroarbeiten und Geldgeschäfte gehörten nicht zu den Obliegenheiten des freien Mannes. – Vielleicht wurden deshalb die Sklaven immer reicher und die Bürger immer ärmer. Die Unterscheidung in rein notwendige Kopfarbeit und Arbeiten des freien Geistes wurde beibehalten.

Kriterium ob ein bestimmter Beruf demjenigen der ihn ausübte mehr oder weniger Ansehen verlieh war zumeist dasjenige, ob dieser Beruf der Welt ein Ding zufügte, das die Spanne eines Menschenlebens überlebte. Beim Fisch etwa war das Überleben nur auf Stunden beschränkt, beim Bauwerk dagegen auf Jahrhunderte, weshalb der Architekt ein höheres Ansehen genoss als der Fischer. Die Arbeiten, welche der Bedürfnisdeckung des Lebens dienten und die Deckung der Notwendigkeiten zum Ziel hatten, sind also vorwiegend von Unfreien erledigt worden, wogegen diejenigen, die Dinge hervorbrachten, welche die Lebenszeit des „Produzenten“ überdauerten, vorwiegend von freien Bürgern betreut wurden.

Die Verherrlichung der Arbeit erfolgte zu einem späteren Zeitpunkt und gipfelte in dem uns allen bekannten Spruch „Arbeit macht frei“, der über den grausigen Lagern unter der Herrschaft des „Gefreiten“ stand. Was oder wer damals als frei galt, ist uns ebenfalls hinlänglich bekannt, vor allem aber der Einfluss dieser „freien Männer“ auf die FM.
Nach diesem Abstecher in die Geschichte, kehren wir zur Gegenwart zurück.

Heute ist die Sache etwas anders, weil Sklaverei und Leibeigenschaft abgeschafft sind, daher, wie von den alten Pflichten gefordert, alle Menschen frei geboren sind. Alles andere würde den Menschenrechten zuwiderlaufen.

Auffallend ist für mich, dass wir heute einfach andere Sklaven haben, welche viele der Arbeiten erledigen, die mit der täglichen Notwendigkeit zu tun haben. Wir Menschen haben diese nicht mehr wie früher einfach gekauft oder annektiert, sondern wir haben diese selber geschaffen. Ich spreche von den Automaten, die viele der niedrigen und schmutzigen Arbeiten erledigen; Automaten, die uns die Güter X-tausendfach vollautomatisch herstellen, solange die Zufuhr der Rohstoffe und Energie gewährleistet ist. Der Schreibsklave wurde ganz einfach durch den Computer ersetzt, der alle möglichen und unmöglichen Mitteilungen von und an freie Bürger in Sekundenschnelle anfertigt, der das Geld verwaltet und überweist und der über den Menschen von der Geburt bis zum Tod alle Daten getreulich speichert.

Problematisch ist nur die Frage, inwieweit wir bei denjenigen, welche die Automaten füttern von freien Männern im ursprünglichen Sinne sprechen wollen. Ist zum Beispiel derjenige welcher dem Computer die Daten, etwa solche zu statistischen oder steuerlichen Zwecken, eingibt noch ein freier Mann oder ist er vielleicht zu einem Teil der Maschinerie geworden, die unsere täglich nötigen Dienstleistungen erbringt?
Ist es nicht vielmehr so, dass wir, die sogenannt freien Bürger, gar nicht so frei sind? – Wie hilflos sind wir doch, wenn ein moderner Sklave, beispielsweise der Computer, streikt, etwa wegen Stromausfall oder anderer Funktionsunfähigkeit. Dasselbe gilt auch bei jedem anderen Automaten, bis hin zur vollautomatischen Produktionsstraße, die stillsteht beim kleinsten Defekt an einem noch so kleinen ihrer Elemente.

Hier stellt sich die Frage wer von wem abhängig ist, der „freie“ Mensch von der Maschine oder umgekehrt? Hieraus geht deutlich hervor, dass, würden wir die alten, historischen Begriffe verwenden, derjenige, welcher die Maschine erfunden, konstruiert und gebaut hat, als freier Mann zu gelten hätte, denn er hat ja mit dem Geist und den Händen ein Werk geschaffen, das sein Leben unter Umständen überdauert. Anders derjenige, welcher die Maschine bedient, d.h., diese mit Daten oder Materialien füttert, die fertigen Produkte wegschafft, beziehungsweise abruft; seine Tätigkeit wäre nicht mehr die eines freien Mannes. Fraglich bliebe es bei demjenigen, welcher die Maschine wieder in Gang bringt, wenn diese den Dienst versagt. Wenn er dazu seines Geistes bedürfte, würde man ihn als freien Mann betrachten, hätte er aber nur eine Routinehandlung mit Kopf und / oder Händen zu vollziehen, wäre dies nicht mehr der Fall. In der Terminologie der alten Pflichten würde man im letzten Fall wohl von Handlangerarbeiten sprechen. Dazu steht in diesen alten Pflichten zu lesen:

Kein Handlanger soll in der eigentlichen Arbeit der Maurerei beschäftigt werden, und kein freier Maurer soll ohne zwingenden Grund mit denen zusammenarbeiten, die nicht frei sind; sie sollen Handlanger und nicht angenommene Maurer auch nicht unterweisen, wie sie dies gegenüber einem Bruder oder Genossen tun sollen.

Wir sehen also dass zwischen dem freien Mann und dem Leibeigenen von den alten Pflichten her eine Art Zwischenstufe gemacht wird, nämlich diejenige des Handlangers, der aber auch nicht als Br. FM tauglich erachtet wird. Handlanger waren wohl beim Bau diejenigen, welche die Steine, Werkzeuge und Materialien etc. herbeizuschaffen, an Ort zu befördern, Werkzeuge zuzureichen und den Bauplatz schließlich aufzuräumen hatten, aber nichts mit dem Behauen des rauhen Steines oder dem Bau des Werkes zu schaffen hatten.

Was aber, so frage ich, unterscheidet diese geschichtlichen Handlanger von denjenigen, die nur noch Computer füttern, automatisierte Produktionsstraßen beaufsichtigen oder Güter zu und von diesen befördern? – Gar nichts, so meine ich. Das wiederum führt logisch zur Annahme, dass wir auch in der modernen Zeit in der spekulativen Maurerei nur freien Männern die Türe öffnen sollten, die auch heute die Kriterien, die früher galten, erfüllen.

Im Gegensatz zu früher scheint mir einzig eine Verschiebung vom Physischen zum Psychischen erfolgt zu sein; wir müssen nicht mehr darauf achten, dass ein „freier Mann“ dazu fähig ist, das Bauhandwerk in körperlicher Weise auszuüben, vielmehr darauf, dass er frei in seinen Denken ist, d.h., dass er frei und unabhängig zu denken gewohnt ist und dies auch ohne Vorurteile tut. Was ihn vom Handlanger unterscheiden soll ist, dass er nicht nur in der Lage ist, einen Körperteil – sei dies nun Kopf oder Hand – zu gebrauchen, sondern seinen freien Geist.

Gerade heute ist ja eine Bewegung im Gang, welche die Menschen im geistigen Sinne immer unfreier macht. Ich denke dabei an die Verbreitung der Corporate Idendity und Ähnlichem. Der Mensch wird nicht mehr als frei Denkender und frei seine Aufgaben pflichtbewusst Bewältigender geschätzt, vielmehr wird der Versuch unternommen ihn in ein bestimmtes Denk- und Verhaltensschema zu zwingen, das die Arbeitgeberfirma bei der Öffentlichkeit in möglichst positiv einheitlicher Weise erscheinen lassen will, auch etwa im Sinne eines „Wir- Gefühles“, beispielsweise etwa „Wir von der X-AG….“.

Diese Bestrebungen sind nicht mehr und nicht weniger als die Herabwürdigung des freien Mannes zum Hilfsarbeiter, der zur Bewältigung seiner Aufgaben irgend einen Körperteil, vielleicht sogar noch seinen Kopf, nicht aber seinen freien Geist einzusetzen hat. Wie viel positiver wäre doch eine Aussage wie etwa „Als frei denkender Mitarbeiter der X-AG vertrete ich die Ansicht…“.

Viele Menschen werden in ein Denkschema gepresst und gehen ihres freien Geistes verlustig; sie werden zu „Hilfsarbeitern“ und können unserem Bund nicht beitreten. Corporate Identities, Dogmen und Ideologien schränken den freien Geist ein; sie haben meines Erachtens in einer Freimaurerloge so wenig zu suchen, wie Sektierertum, politisches Parteiengezänk, Hokuspokus und ähnlicher Unfug.

Neben dem freien Geist, der heute den freien Mann ausmacht, beziehungsweise ausmachen sollte, sollte der freie Mann nicht durch hierarchische Gegebenheiten zum Handlanger gemacht werden. Männer, die durch Vorgesetzte, Terminkalender oder Ähnliches ihre geistige Freiheit verloren haben, müssten eigentlich, ebenso wie die geistig Unfreien, als „Hilfsarbeiter“ betrachtet werden.
Damit ist nichts gegen organisatorische Hilfsmittel wie Kalender etc. gesagt; wohl aber gegen solche Männer, die zu Sklaven eigentlich nützlicher Dinge geworden sind oder zu werden drohen. Genauso können hierarchische Gegebenheiten einen freien Mann zum Hilfsarbeiter degradieren. Dies vor allem dann, wenn ein Vorgesetzter oder ein System dem Einzelnen Zeitpunkt, Art und Umfang eines Einsatzes laufend vorschreibt, wenn er also ohne eigenen Geist Arbeiten verrichtet, die gerade durch diese Vorschriften zur Hilfsarbeit geworden sind. Umgekehrt ist auch der Karrierejäger, dessen Trachten nur oder weitgehend auf das Emporkommen und den eigenen Profit gerichtet ist, kein freier Mann mehr, sondern durch sein Streben ebenfalls zum Sklaven, zum reinen Hilfsarbeiter einer Organisation geworden.

Generell müssen wir heutzutage nicht mehr vom Gegensatz Leibeigener / frei Geborener ausgehen, sondern vom geistig freien Mann. Dem trägt auch das Ritual I der Alten und Angenommenen Maurer von Deutschland Rechnung, indem der M.v.St. fragt: „Wodurch soll sich ein Freimaurer im Leben vor anderen Menschen auszeichnen?“ Darauf antwortet der II. Aufseher: „Durch winkelrechte Lebensführung, von der Sklaverei der Vorurteile befreite Gedanken und echte Freundschaft zu seinen Brüdern“.
Als versklavende Vorurteile verstehe ich alle den freien Geist einschränkenden Dogmen und Ideologien, also neben den bekannten geisteinschränkenden Gedankenkrücken wie Sekten etc. alle bereits angeführten, auf einem bestimmten Gesellschaftsbild beruhenden Einschränkungen des freien Geistes.

Wer aber ist nach diesen Ausführungen überhaupt noch als freier Mann zu betrachten? Mir persönlich ist keine Definition bekannt, weshalb für mich gilt:

Ein freier Mann ist ein Mensch, der positive Ideen unbeeinflusst und selbständig entwickelt, diese vertritt und auch in die Tat umsetzt oder zumindest umzusetzen trachtet.
Natürlich ist diese Definition sehr allgemein, idealistisch und nicht zuletzt im Lichte unsrer Ziele nicht ganz unproblematisch, erwarten wir doch, dass ein einmal aufgenommener Br. sich von den geistigen Schätzen, deren er in unserem Bund teilhaftig wird, in seinem Denken, Fühlen und Handeln positiv beeinflussen lässt. Ich meine aber, das der Widerspruch, der dieser Definition anhaftet, trotzdem belassen werden kann, weil es ja darum geht, zu beurteilen welcher Art freier Männer unser Bund bedarf, also eine ideale Zielvorstellung zu schaffen, die uns, für aktuelle und künftige BBr., Richtschnur sein kann.

Wir alle sind im Leben irgendwie gebunden, sei dies durch den an und für sich die freie Entwicklung von Ideen hemmenden Zwang die notwendigen Dinge zur Fristung unseres Lebens zu beschaffen, sei dies durch ideelle Bindungen, wie etwa derjenigen zur Familie. Diese Grenzen hat die FM bereits erkannt und auch verankert, indem die Einschränkungen im Gelübde, das der Lichtsuchende ablegt, enthalten sind in den Worten: …“soweit es meine Ehre und meine Pflichten gegen Gott, Vaterland und Familie gestatten“.

Damit sind meines Erachtens auch die Grenzen des freien Mannes größtenteils aufgezeichnet. Ich meine damit diejenigen, die einem freien Mann in zeitlicher, vor allem aber im Hinblick auf Notwendigkeit die Schranken aufzeigen, innerhalb deren er seine positiven Ideen zu entwickeln und zu verfolgen hat.
Der „Brotarbeit“, welcher ein Suchender nachgeht, ein hohes Gewicht zuzumessen, ist, wenn wir die Arbeitswelt betrachten, alles andere als zeitgemäss. Zur Bereicherung unseres Bundes, brauchen wir Männer mit wahrhaft freiem, wachem und tätigem Geist. Die Art, diese freien, für unseren Bund geeigneten Männer zu erkennen, ist meines Erachtens relativ einfach. Analog zur Betrachtung der Geschichte jener, die als „Freie Männer“ bezeichnet wurden, haben wir zu beurteilen, ob dieser oder jener Kandidat in der Lage und auch bestrebt ist, dieser Welt aus eigener Kraft, unbeeinflusst und unvoreingenommen ein Ding von bleibendem Wert hinzuzufügen, handle es sich dabei um ein materielles oder um ein gedankliches.

Zum Schluss meine ich, dass die in den alten Pflichten enthaltene Anweisung, nur freie Männer in unseren Bund aufzunehmen, ihren Sinn nicht verloren hat. Im Gegenteil: sie ist aktueller denn je. Wir brauchen freie Geister, das heisst, die freien Männer, die zu suchen uns die im dargelegten Sinn verstandenen Alten Pflichten anhalten. Wir brauchen diese vielleicht etwas raueren Steine, die im Leben positive Ideen suchen, entwickeln und in die Realität umsetzen wollen. Die freien Geister nämlich sind es, die laut Geschichte unseren Bund bereichert haben und nach meiner Überzeugung dies auch künftig in besonderem Masse tun werden.

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