Geheimnisse

Der Freimaurerbund wird von der Umwelt oft als Geheimbund bezeichnet. In der Tat gibt es etwas, worüber Freimaurer zu Aussenstehenden nicht sprechen. Das gilt vor allem für das rituelle Brauchtum, durch das sich die Freimaurerlogen deutlich abheben von anderen Organisationen mit ähnlichen humanitären Zielen. Dabei hat die Geheimhaltung drei Wurzeln:

  1. Der Schutz vor äusserer Bedrohung in Zeiten von Verfolgungen, heute noch aktuell in diktatorisch regierten Ländern;
  2. Die Tatsache, dass die Beschreibung eines Rituals das damit verbundene Erlebnis nicht wiederzugeben vermag;
  3. Der Respekt vor der inneren Erlebnis-Sphäre eines Menschen, „geheim“ also in seiner Bedeutung von „daheim“.

Verschwiegenheit wird heute in Freimaurerkreisen unterschiedlich praktiziert. In den USA macht man seit jeher kein Geheimnis daraus, Mitglied dieser Organisation zu sein, war doch mehr als die Hälfte aller US-Präsidenten bekennende Freimaurer. Diesem Trend folgt mittlerweile auch Deutschland und die Schweiz. Dagegen halten sich die österreichischen Freimaurer sehr bedeckt, möglicherweise ein traumatisches Relikt aus der Zeit des Nationalsozialismus. Anderseits würde eine allzu exhibitionistische Transparenz freimaurerischer Bräuche an den beiden andern Wurzeln der Geheimhaltung rütteln, dem emotionalen Erlebnis von Ritualen und dem Zwiegespräch mit der eigenen Seele. Beides ist auf die innere Menschwerdung gerichtet und soll daher in meditativer Stille geschehen können, also dort, wo es keine Worte gibt. So kann denn echtes freimaurerisches Geheimnis gar nicht verraten werden, sondern lediglich der Weg dorthin. Und der steht im Zeitalter des Internets ohnehin jedermann offen.