Festrede 200 Jahre BT

Rede anlässlich der Veranstaltung 200 Jahre Loge Zur Brudertreue
im Kultur & Kongresshaus Aarau vom 18. Juni 2011

von Landammann Dr. Urs Hofmann

„Edel sei der Mensch, hilfreich und gut.“ Sie kennen diese Worte, und Sie kennen Johann Wolfgang von Goethe, von dem sie stammen. Wenn man weiss, dass Goethe nicht nur Dichter und Hofrat, sondern auch Freimaurer war, so versteht man das Zitat plötzlich anders, verbindlicher. Das ist eine Aufforderung zum Tun!

Die Worte stehen am Anfang des Gedichts „Das Göttliche“. Es handelt davon, dass der Mensch sich seiner Fähigkeiten verantwortungsvoll zu bedienen habe, denn nur er allein „darf den Guten lohnen, den Bösen strafen, heilen und retten, alles Irrende, Schweifende, Nützliche verbinden.“

Was Goethe in seinem Gedicht niederlegt, sind die Maximen der Freimaurerei, treffend gefasst in den eben genannten einleitenden Worten. Für Goethe ist der Mensch keineswegs vollkommen – und er sollte sich nicht bemühen, vollkommen zu werden. Vollkommen sind nur göttliche Wesen. Menschen irren und schweifen ab – es irrt der Mensch, so lang er strebt. Aber in jedem Menschen steckt auch die Fähigkeit, zu helfen, zu heilen, zu retten und sich nützlich zu machen. Und diese Fähigkeiten sollte jeder – ganz besonders natürlich jeder Freimaurer – ausbilden und benutzen.

Der Gründervater Ihrer Loge, Heinrich Zschokke, versteht Freimaurerei ähnlich. Für ihn soll der Freimaurer seinen Mitmenschen Vorbild sein, und zwar in dreifacher Hinsicht: als Familienvater, als Staatsbürger und als Freimaurer. In neun Grundsätzen formulierte Zschokke 1811 das Programm einer neu zu gründenden Aarauer Loge. Und er wird darin um einiges konkreter als Goethe.

Als Landammann des Kantons Aargau interessiert mich natürlich vor allem, was Zschokke zum Thema Staatsbürger zu sagen hat. Ein Freimaurer als Staatsbürger soll die Gesetze seines Landes befolgen, in Beruf und Beamtung vortrefflich arbeiten und als Mitglied seiner Kirche ein Muster an Religiosität sein. Freimaurer sind also vorbildliche Staatsbürger, indem sie bürgerliche Pflichten, Erwerbsleben und kirchliches Leben miteinander verbinden und in jedem Bereich Hervorragendes leisten.

Was dies konkret heisst, zeigt die Gründungsgeschichte Ihrer Loge. In den Grundsätzen der Freimaurerei sahen die jungen Männer, die sich entschlossen hatten, in Aarau eine Loge zu gründen, den ethischen Rahmen für eine moderne Gesellschaft, an der sie mitarbeiten wollten. Der Kanton Aargau war noch jung, es fehlte an allem: an Geld, an Know-how, an öffent-lichen Einrichtungen. Was der junge Staat im Übermass kannte, war jedoch Armut, Emigration, Rückständigkeit.

Hier öffnete sich motivierten jungen Freimaurern ein Feld zur Betätigung. Und sie nutzten es. Immer wieder kamen aus der Mitte Ihrer Loge Männer, die sich für den Kanton über die Massen engagierten. Zum Beispiel als Gründer der «Gesellschaft für vaterländische Kultur», die dem Kanton mit privaten Mitteln unter die Arme griff, Schulen gründete, eine Sparkasse aufbaute, sich sozial engagierte. Oder als initiative Regierungsmitglieder, die sich politisch klar positionierten, aber dennoch immer das Interesse aller im Auge hatten. Und als Wirtschaftsführer, die einen Teil ihres Einkommens und ihrer Zeit für öffentliche Aufgaben einsetzten.

Als Landammann wünsche ich mir zuweilen die Gründerzeit unseres Kantons zurück. Natürlich nicht, weil ich die damaligen sozialen und wirtschaftlichen Zustände über die heutigen stellen möchte. Als Sozialdemokrat weiss um den unermesslichen Wert des hart erkämpften Sozialstaates. Auch nicht, weil ich mir die extremen politischen Auseinandersetzungen zurückwünsche, die unseren Staat mehrmals an den Rand des Bürgerkriegs geführt haben. Die direkte Demokratie und das Streben nach Ausgleich und Konkordanz sind wichtige Grundlagen für unseren Kanton und unser Land. Nein, weil ich denke, dass uns heute leider allzu oft die Visionen ausgegangen sind. Wir haben scheinbar alles erreicht, was zu erreichen ist. Manche empfinden den Staat, das institutionelle Gefäss unserer Gesellschaft, bloss noch als ein einengendes Korsett, das dem Erfolgreichen keinen Raum mehr lässt. Andere erwarten vom Staat, dass er all das tut, was sie eigentlich auch selbst angehen könnten. Beide verkennen damit völlig, wie gerade unser demokratischer Rechtsstaat Sicherheit und Freiheit gewährt und so dem engagierten Staatsbürger, der engagierten Staatsbürgerin vorzügliche Chancen für die Gestaltung unserer Gesellschaft bietet. Nur die Zukunftsideen, die müssen in uns selbst entstehen und wachsen, wie dies bei den Gründervätern Ihrer Loge vor 200 Jahren der Fall war.

In diesem Sinne wünsche ich mir, dass in unserem heutigen goldenen Zeitalter wieder ein bisschen mehr Pioniergeist und ein bisschen mehr ethisches Denken herrschte – beides haben wir nach wie vor nötig. Auf dass wir auch im Überfluss nicht nur in der Gegenwart leben, sondern für die Zukunft denken und für kommende Generationen vorsorgen. Auf dass wir auch im Freizeitstress an diejenigen denken, deren Leben nur aus Freizeit besteht, weil sie keine Arbeit haben oder keinen Sinn im Leben und in der Arbeit finden. Auf dass wir die Errungenschaften unserer Demokratie nicht leichtfertig aufs Spiel setzen, nicht in Destruktion verfallen und die Negation zur Leitschnur werden lassen, sondern dass wir bei aller Kamp-feslust daran denken, dass wir nur zusammen weiterkommen.

Der österreichische Psychologe Viktor Frankl verlor Eltern und Ehefrau in den KZs der Nationalsozialisten. Er selber hat überlebt. Er ist an diesen Erfahrungen nicht zerbrochen und er ist daran auch nicht zum unversöhnlichen Rächer geworden. Vielmehr hat er sich Zeit seines Lebens für Versöhnung und Neubeginn eingesetzt. „Der Fanatiker klammert sich mit beiden Händen krampfhaft an ein Dogma. Der Tolerante hingegen hat die Hände frei und reicht sie dem Andersdenkenden“. Mit diesem Zitat des bekennenden Freimaurers Viktor Frankl möchte ich mein Grusswort beschliessen.

Im Namen der Aargauer Regierung gratuliere ich Ihnen zu Ihrem Jubiläum. Ich freue mich über Ihr Wirken in unserer Gesellschaft und vor allem darüber, dass Sie den Mut haben, ethische Werte zu leben und weiterzugeben. So bringen Sie uns alle, so bringen Sie die gesamte Gesellschaft voran. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen Tatkraft, Weitsicht – und Erfolg.

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