Reflexive Aufklärung

„Reflexive Aufklärung als Denkmodell der Freimaurerei“

von Prof. Dr. Helmut REINALTER in der Loge „Zur Brudertreue“ Aarau

Immer mehr Menschen unserer Zeit stellen die Lebensformen der modernen Kultur, den Staat, die Wirtschaft und die Wissenschaft, wie sie sich in Europa seit der Aufklärung herausgebildet haben, radikal in Frage. So werden gerade in den Kernländern der europäischen Kultur geistige Strömungen stärker, die den Rechts- und Verfassungsstaat der Neuzeit, die auf Privateigentum gegründete Marktwirtschaft und die moderne Wissenschaft mit ihren rationalen Problemlösungen überwinden wollen. Ein postmodernes Zeitalter soll dem menschlichen Glücksverlangen besser entsprechen als die europäische Moderne mit ihrem Hang zur Rationalität. Für nicht wenige kritische Menschen unserer Zeit ist das Produkt aus neuzeitlichem Aufklärungsoptimismus, wissenschaftlich-technischem Fortschritt und Machbarkeitsüberzeugung in eine Art Endzeit geraten. Unter dem diffusen wie inflationär gebrauchten Wort „Postmoderne“ gruppiert sich eine kulturelle Avantgarde, bei der für den Ausgang des 20. Jahrhunderts das „Bewußtsein der Nachträglichkeit“ gegenüber den Grundproblemen der späten Neuzeit hervorgehoben wird. Die Vertreter der Postmoderne konzentrieren ihre Kritik besonders auf das Erbe der Moderne, worunter sie nahezu alle Errungenschaften der Neuzeit und des neuzeitlichen Rationalismus von der Aufklärung bis zur modernen Industriegesellschaft verstehen.

Mit der Umwandlung moderner Sozialsysteme von Wohlstands- in Risikogesellschaften zeichnet sich ein weiteres Indiz für eine epochale Veränderung der Moderne ab. „Der Prozeß der Moderne wird ‚reflexiv‘, d. h. sich selbst zum Thema und Problem“. Diese Entwicklung bringt eine Zukunft hervor, auf die wir nur z. T. Einfluß nehmen können, im Zeitalter der Beschleunigung verlieren nämlich Vergangenheit und Gegenwart immer mehr an Kraft, zukunftsorientiertes Entscheiden und Handeln zu steuern. Die Ebenen haben sich entscheidend verschoben. Nun sind es nicht mehr das Altbewährte, auch nicht die Hoffnungen und Utopien des Lebens, sondern befürchtete Gefährdungen der Zukunft, die zu einer grundsätzlichen Veränderung des Verhaltens auffordern. Jede gegenwärtig relevante Prognose wird durch den Faktor „Zukunftsungewißheit“ erschwert. In dem gleichen Maß, in dem die Qualität der Ereignisse, Prozesse und Faktoren zunimmt, die den Wandel der modernen Gesellschaft bewirken, nimmt die Prognosekraft künftiger Lebenssituationen ab. Wesentlichste Ursache dieser Unsicherheit ist bezeichnenderweise der Zuwachs an Wissen. Letztlich müssen wir heute mit der „Gewißheit zunehmender Ungewißheit“ leben. Zumindest davon haben die Theoretiker der Postmoderne eine Vorstellung. Da sich aber über das „Ungewisse“ nichts Genaues sagen läßt, bleiben ihre Ideen notwendigerweise diffus.

Der hier skizzierte Prozeß des gesellschaftlichen Wandels zeigt sich ganz deutlich an verschiedenen Zügen des wesentlich neuzeitlichen Denkens:

  • Je mehr sich die außermenschliche Natur technisch-wissenschaftlicher Erfassung erschließt, desto mehr scheint die „Einheit von menschlicher und außermenschlicher Natur“ zu schwinden.
  • Mit der zunehmenden Entzauberung der Welt durch die wissenschaftlich-technische Rationalität scheint auch die einheitsstiftende Kraft religiöser und mythischer Weltbilder an Glanz zu verlieren.
  • Durch die Zunahme von wissenschaftlich-technischen Spezialkenntnissen scheint der sie „einigende ganzheitliche Zusammenhang“ zu verschwinden, und indem sich unser wissenschaftlich-technisches Wissen über das, was ist, vermehrt, scheint unser moralisches Wissen über das, was sein soll, immer stärker abzunehmen.

Diese Entwicklung sieht so aus, als laufe mit zunehmendem wissenschaftlich-technischem Wissen über das Sein eine Abnahme der Orientierung über den Sinn parallel.
Kritik und Protest gibt es überall dort, wo „die Ansprüche und Instrumente ökonomischer, wissenschaftlicher und administrativer“ Vernunft über die Grenzen des Marktes, des Labors und der Verwaltung hinaus erweitert werden. In solchen Fällen kommt es tatsächlich vor, daß sich ökonomische Produktivkräfte in ökologische Destruktivkräfte und bürokratische Planungskapazitäten in lebensweltliche Störpotentiale verwandeln. Wo aus diesen Gefahren bereits vielfach Realität wurde, sprechen triftige Gründe für eine rasche Kurskorrektur, um den Katastrophen zu entgehen, die sich aus einer ungehemmten Fortsetzung dieser Entwicklung ergeben könnten. Vor dem Hintergrund eines solchen Krisenszenarios verwundert es kaum, daß heute besonders jene Theorien an Bedeutung und Einfluß gewinnen, die verdeutlichen wollen, daß die Kräfte zur Steigerung der Verfügungsgewalt des Menschen über seine Welt Autonomie in Abhängigkeit, Emanzipation in Unterdrückung und Rationalität in Unvernunft bzw. Aufklärung in Gegenaufklärung verwandeln. Dementsprechend komplex sind auch die Ausdrucksformen der postmodernen Modernitätskritik. Sie reichen von einer Fortschreibung der Dialektik der Aufklärung über eine völlige Destruktion der Leitkategorien neuzeitlichen Denkens bis zur New Age-Bewegung und Esoterik.

Obwohl das Meinungsspektrum der Postmoderne sehr breit angelegt ist, sind sich die meisten ihrer Vertreter doch einig in der Kritik an den Verengungen und Einseitigkeiten, an den Usurpationen und Verabsolutierungen der neuzeitlichen instrumentell eingesetzten Vernunft. Mit der Absage an die moderne Technik und ihre zweifelhaften Fortschritte wird die Ästhetik neu aufgewertet. Sie wird als Wirklichkeitserfahrung empfunden, die auf Dimensionen und Instanzen der Erkenntnis abziele, in denen Geltungsanspruch, Eigenart und Ernst der diskursiven Vernunft suspendiert werden – wie Mythos, Okkultismus, Gnosis und Esoterik.
Trotz dieser z. T. berechtigten Angriffe gegen den neuzeitlichen Rationalismus und die Aufklärung kann jedoch das unvollendete Projekt der Moderne (J. Habermas) sinnvoll weitergeführt werden. Dazu ist es notwendig, sich der fundamentalen Bedeutung der historischen Aufklärung zuzuwenden und ihre Grundlagen zu betonen.

Das 18. Jahrhundert wird heute als das „Zeitalter der Aufklärung“ bezeichnet. Diese Kennzeichnung geht auf das Selbstverständnis einer geistigen und gesellschaftlichen Reformbewegung zurück, die sich selber als Aufklärung beschrieben hat. Etwa seit der Mitte des 18. Jahrhunderts spricht man aufgrund des Erfolgs der Aufklärung von „aufgeklärten Zeiten“. Kant hat dann deutlicher zwischen einem „aufgeklärten Zeitalter“ und einem „Zeitalter der Aufklärung“ differenziert.

Natürlich kann man diese Epochencharakterisierung wie andere Epochenbegriffe auch kritisch betrachten. Dennoch gibt es eine Reihe von Argumenten, den Begriff eines Zeitalters der Aufklärung nicht leichtfertig über Bord zu werfen. Denn die damit gekennzeichnete Epoche unterscheidet sich von der vorhergehenden, dem sogenannten Barock, und der nachfolgenden, der sogenannten Romantik (bzw. Klassik oder des Idealismus) deutlich: „durch eine betont nüchterne und rationale Einstellung zur Welt, durch typische Problemstellungen und Problemlösungen, durch zentrale Begriffe und Metaphern. Nicht zuletzt aber ist die Aufklärung durch ihr Selbstbewußtsein charakterisiert, mit dem sie sich von allen vorangegangenen Zeiten unterscheidet und aufgrund dessen sie sich selbst ihren Namen gegeben hat. Damit ist nicht gesagt, daß die Aufklärung sich selbst zureichend verstanden habe, aber dieses Selbstverständnis läßt sich ebensowenig wie die mehr oder weniger ausgeprägten Strukturen dieser Aufklärung als irrelevant beiseite schieben. Im übrigen kann und muß auch das Zeitalter der Aufklärung in größere Epochenzusammenhänge gestellt werden (Frühe Neuzeit, Emanzipation des Bürgertums, Zerfall des Christentums usw.), die allerdings meist nicht weniger problematisch sind“ (Werner Schneiders).

Im 18. Jahrhundert gab es eine Reihe signifikanter Reformbestrebungen, genauer gesagt, zahlreiche Menschen, die sich selbst als Reformer verstanden, weil sie Neuerungen und Veränderungen anstrebten und sich zugleich als Aufklärer begriffen, weil sie praktische Veränderungen durch geistigen Wandel erreichen wollten. Vor allem verstand sich Aufklärung zunächst als eine bewußte, reflektierte, ja sogar programmatische Aktion zur „Verbesserung des Verstandes“ oder zur Beförderung der Vernunft auf allen Gebieten. Zu diesem Zwecke sollten Vorurteile und Aberglauben, Schwärmerei und Fanatismus bekämpft werden, also die herrschende Unvernunft nach Möglichkeit ausgerottet werden. Die Aufklärung lebte von der „Hoffnung auf Vernunft“, ja sie war Wille zur Vernunft. Die Wirklichkeit ist nach ihrer Ansicht unvernünftig, und sie kann und soll vernünftig werden. Von einer Herrschaft der Vernunft erwartete man sich auch eine bessere Moral sowie Glück und Freiheit. Verstand und Tugend sollten die Welt regieren, damit glückliche und freie Menschen in ihr leben können. Dieser Wunsch war zwar nicht neu, aber die Form. in der er sich darstellte, und das Engagement, mit dem er auftrat, heben das Zeitalter der Aufklärung unverkennbar von anderen Epochen ab.

Der Begriff „Aufklärung“ hat allerdings in den letzten Jahrzehnten im Zuge der Postmoderne-Diskussion an Ansehen verloren.

Obwohl ein weitgehender Konsens darüber besteht, daß die Aufklärungsepoche einen ganzen Komplex von unterschiedlichen Tendenzen bildet, lassen sich doch einige Hauptbestimmungen festmachen:

  • Aufklärung ist Entfaltung eines Denkens, das kritisch überkommene Autoritäten in Frage stellt, darunter insbesondere die tradierten religiösen Vorstellungen, Dogmen und Institutionen, weiters auch
  • die Legitimation der politischen Herrschaft und, im Reifestadium, ihren eigenen Anspruch, ihr eigenes Verfahren und ihre eigene Legitimität;
  • die Aufklärung verlangt religiöse Toleranz, rechtliche Gleichstellung aller Menschen, persönliche Freiheit und freie wirtschaftliche Entfaltungsmöglichkeit für alle, Meinungs- und Pressefreiheit und damit Herstellung von Öffentlichkeit.
  • Die Aufklärung fordert politische Selbstbestimmung und
  • intendiert eine an einer grundsätzlich positiven Diesseitsgestaltung orientierte Humanität.

In einer Zeit, in der gegenaufklärerische Tendenzen wieder an Bedeutung gewinnen, sollte man an diese positiven Wertsetzungen und Wirkungen der Aufklärung erinnern. Was dringend erforderlich erscheint, ist die Konzipierung einer „neuen“, „reflexiven“ Aufklärung, die die unverzichtbaren Grundlagen der historischen Aufklärung kritisch weiterentwickelt. Die Aufklärung als nie abschließbare Aufgabe und als Denkprinzip versteht sich als Selbstaufklärung, als Selbstwerden durch freies Denken, aber auch als Sachaufklärung im Sinne von Wegräumen geistiger und realer Hindernisse der Selbstaufklärung. Aufklärung richtet sich als Selbstdenken (I. Kant) gegen angemaßte Autorität und Vorurteile, als Richtdenken gegen Irrtümer, Irrationalismus und Aberglauben, gegen Verabsolutierungen und Ideologien, gegen Dogmen und absolute Wahrheiten. Die bleibende Aktualität der Aufklärung resultiert aus dem permanenten Aufklärungsbedürfnis. Sie ist ein stets erneuerter Versuch, die immer neu wuchernde Pseudowahrheit zu überwinden und ideologiekritisch zu arbeiten. Aufklärung als modernes Denkmodell darf allerdings Aufklärung über sich selbst nicht vernachlässigen, sonst degeneriert sie zur Pseudoaufklärung oder Ideologie und zerstört sich selber.

Kant versteht unter Kritik der Vernunft Selbstkritik der Vernunft und meint damit, daß es keine übergeordnete, auch keine göttliche Instanz gibt, vor der menschlicher Vernunftgebrauch zur Verantwortung gezogen werden könnte. Aus der Sicht der Anthropologie ist hier vor allem das Problem des menschlichen Selbstverständnisses angesprochen. Die alte Definition des Menschen als Vernunftwesen erhält durch die Aufklärung eine neue Dimension. In der Unendlichkeit der sich dem Menschen erschließenden Möglichkeiten liegt zugleich das Potential seiner Selbstgefährdung. Vernunfttheoretisch, meine Holzhey, gehe es hier um Selbstkritik der Vernunft, die zerbrechlich ist und die sich durch Selbstbeschränkung als kritische Vernunft erhält. In Form von Selbstkritik ist Vernunftkritik eine exemplarische Weise des Selbstdenkens. „Selbstdenken, heißt den obersten Probierstein der Wahrheit in sich selbst suchen und die Maxime, jederzeit selbst zu denken, ist die Aufklärung.“ Diese Maxime gilt für den theoretischen und praktischen Vernunftgebrauch. Das Selbstdenken hat sich allerdings heute aufgrund der ungeheuren Komplexität der Lebensverhältnisse in vielen Fällen als psychische und soziale Überforderung erwiesen. Kant bemüht sich um eine rein rationale, in der Vernunft gegründete Fundierung des moralischen Wissens. In der heutigen Situation der Ethik konkretisiert sich Vernunftgebrauch bzw. Selbstdenken in der Anwendung von Urteilskraft. Kritik wird nicht an der Selbstbehauptung philosophischen Denkens, sondern an einem philosophischen Ethos festgemacht. Aus der Perspektive Kants wäre dieses Ethos als die aufgeklärte bzw. aufklärerische Haltung des Selbstdenkens zu bestimmen.

Für den leitenden Rationalismus sind drei Aspekte bestimmend: das Selbstverständnis des kritischen Rationalismus als Aufklärung, das Vernunftverständnis und das ideologiekritische Potential des kritischen Rationalismus. Die Idee von der Selbstbefreiung durch das Wissen ist ein programmatischer Topos in der Tradition der Aufklärung. Im kritisch-rationalistischen Aufklärungskonzept werden besonders drei Forderungen hervorgehoben:

  1. daß prinzipiell kein Lebensbereich, keine gesellschaftlich-politische Instanz, keine traditionelle Autorität der kritischen Prüfung durch Empirie und Vernunft entzogen werden darf;
  2. daß die kritische Reflexion vor den Implikationen und Folgen aufklärerischer Denkbemühungen nicht haltmachen darf;
  3. daß der Prozeß der kritischen Reflexion und Selbstreflexion als unabschließbare Aufgabe zu sehen ist.

Im Zentrum des Vernunftverständnisses des kritischen Rationalismus steht die Fallabilitätsthese von der prinzipiellen Fehlbarkeit und Irrtumsanfälligkeit des menschlichen Erkenntnis- und Vernunftvermögens. Letzte Instanzen, die die Wahrheit von Erkenntnissen gleichsam offenbar machen und absolut garantieren können, werden im kritischen Rationalismus entschieden abgelehnt. Der kritische Rationalismus richtet sich gegen eine Dogmatisierung von Erkenntnissen und gegen eine Beeinträchtigung des Erkenntnisfortschritts. Der kritisch-rationalistische Standpunkt in Wertfragen wird der aufklärerischen Grundidee von der Selbstbefreiung durch Wissen gerecht, weil er die Möglichkeit betont, sich durch das Aneignen von Sachwissen von bisher unbefragten Wertautoritäten auch im ethischen Bereich zu emanzipieren, ohne das Engagement für ein ethisches Prinzip auszuschließen. Die Aufklärungsinstitution des kritischen Rationalismus umfasst auch ein ideologiekritisches Potential das Weltanschauungen und Ideologien kritisch prüft. Dabei spielt die kritisch-rationalistische These von der prinzipiellen Fehlbarkeit und Irrtumsanfälligkeit der Vernunft eine entscheidende Rolle. Die Denkströmung des kritischen Rationalismus ist – wie die hier dargelegten Möglichkeiten zeigen – gut geeignet, gegenaufklärerischen Tendenzen, die heute stärker werden, wirksam entgegenzutreten.

Es gab Versuche im 20. Jahrhundert, das keineswegs überholte Programm der Aufklärung in eine breitere, weltgeschichtliche Perspektive zu rücken. Die Aufklärung wurde als fortschreitendes Denken nicht nur als Epoche gesehen, sondern auch als geschichtsphilosophischer Sachverhalt dargestellt (z. B. von Max Weber. Wilhelm Nestle, Max Horkheimer und Theodor W. Adorno). Diese geschichtsphilosophischen Ansätze haben eine qualitativ neue Selbstbesinnung aufklärerischen Denkens eingeleitet. Die Vernunft im Widerstreit mir sich selbst spielt in Horkheimers „Kritik der instrumentellen Vernunft“ eine wichtige Rolle. Gemeint ist hier die Tendenz des Fortschritts im modernen Industriezeitalter, humane Ideen zu zerstören. Die technische Zivilisation bedroht ihr eigenes Ergebnis. Die These Horkheimers und Adornos besteht darin, daß die selbstzerstörerische Tendenz der Vernunft schon im aufklärerischen Denken des 18. Jahrhunderts angelegt ist. Will Aufklärung sich vor völliger Selbstzerstörung bewahren, so muß sie auf ihr immanentes „rückläufiges Moment“ reflektieren. Damit soll bei aller Kritik ein positiver Begriff von Aufklärung vorbereitet werden, der sie aus ihrer Verstrickung in blinde Herrschaft löst.
Die Kritik an der Aufklärung setzt dort an, wo behauptet wird, sie habe in naiver Weise unterstellt, daß „der Mensch gut“ sei und daß sich durch Herstellung geeigneter politischer und sozialer Verhältnisse dieser Vorzug deutlich zeigen würde. Dieser naive Glaube sei durch den Stalinismus und Nationalsozialismus widerlegt worden. Alle Fortschrittsideologien hätten sich im Laufe der Geschichte als verhängnisvoll erwiesen und trügen Schuld am krisenhaften Charakter der zeitgenössischen Welt.

Gegen diese Auffassung muß eingewendet werden, daß das Projekt der Aufklärung durchaus positiv gesehen werden kann, wenn man auf den zentralen Gedanken der Aufklärungsphilosophie zurückgeht und die Verbindung mit einem „naiven Rationalismus“ und einem optimistischen Menschenbild, das nicht alle Aufklärer vertraten, und einer Geschichtsphilosophie aufgibt. Die Forderung, wie sie Kant formulierte, selbst zu denken, besagt noch keineswegs, daß Menschen nur „res cogitandes“ sind. Kant selbst betonte, daß zum Selbstdenken „Mut gehöre“, eine Eigenschaft, die nicht die der reinen Vernunft sei. Aufklärung hat es letztlich mit dem konkreten Menschen zu tun, auch wenn sie seinen Verstand und die Vernunft als besondere Eigenschaft hervorhebt. Aufklärung heißt, sich seiner Vernunft zu bedienen und sich von Vorurteilen und autoritären Bevormundungen zu befreien.
Parallel mit dem Wandel des Selbstverständnisses des Menschen und mit der Erweiterung des Wissens über den Menschen ändere sich auch die Aufgabe von Aufklärung und Selbstdenken. Die Reflexion auf das eigene Unbewußte geschieht im Aufklärungsdenken nicht, um emanzipiertes Verhalten zu begrenzen, sondern führt zur Erweiterung, wobei die neugewonnene Erkenntnis auch eine Erkenntnis der Grenzen des Bewußtseins und der Bestimmung unseres Verhaltens durch Vernunft miteinbezieht.

Sicher sucht der Mensch angesichts der Probleme unserer komplexen Gesellschaft nach einem Gegengewicht, nach der Erfahrung des Ganzen, daß die Welt nicht nur durchrationalisiert ist. Auch hier zeigt sich die Bedeutung des Aufklärungsdenkens im Sinne einer Überwindung der in manchem falsch gelaufenen historischen Aufklärung und einer Aufklärung über Aufklärung. Es besteht heute durchaus die Möglichkeit, Aufklärung im Sinne einer kritischen Aufklärung weiterzuentwickeln, einer Vernünftigkeit, die nicht im technischen Kalkül aufgeht, sondern sich ihrer Grenzen bewußt wird und gleichzeitig ihre Möglichkeiten prüft, wie wissenschaftliche Welterkenntnis und ethisches Handeln zusammengedacht und praktiziert werden können. Selbstverständlich ist die Idee von der Vernunft zerbrechlich, und die kritische Aufklärung wandelt sich daher auch zur Kritik an jener Rationalität, die Freiheit durch Naturbeherrschung zu sichern vorgibt. Gemeint ist hier vor allem die „Herrschaftsvernunft“ oder „instrumentelle Vernunft“, wo die Hoffnung, vernünftige Verhältnisse könnten verwirklicht werden, in der „gewaltigen Hermetik egalitärer Mechanismen“ versiege. Allerdings übertreiben manche Wissenschaftler heute, wenn sie für den Prozeß der Aufklärung und Ihrer Dialektik nur noch die „instrumentelle Vernunft“ wahrnehmen wollen.
Angesichts globaler Bedrohungen und der Krise der modernen Industriegesellschaften scheint es notwendiger denn je, die Bemühungen im Sinne einer kritischen Aufklärung fortzusetzen und aus der Einsicht der unauflöslichen Verschränkung von

Vernunft und Herrschaft, Macht und Subjektivität, an der Realisierung einer vernünftigen Emanzipation weiterzuarbeiten, zumal es heute um die Sicherung dessen geht, was man mit dem „vernünftigen Gehalt der gesellschaftlichen kulturellen Moderne“ bezeichnen könnte. Die Aufklärung hat aufgrund einseitiger Auslegungen, eines extrem egozentrischen Individualismus und durch die politischen Ideologien des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts das großartige Emanzipationsprojekt gehemmt und z. T. sogar pervertiert. Gewiß hat sie aber auch einen gewaltigen Erfolg erzielt, obwohl heute das „Humane“ und der technische Fortschritt immer wieder auseinanderzulaufen scheinen. Damals wie heute geht es der Aufklärung darum, die Hemmnisse aus dem Weg zu räumen, die die Ausbreitung der kritischen Erkenntnis und Vernunft stören. Eine „neue“ Aufklärung erkennt die Fehlentwicklungen und Grenzen dieses Projekts und kann daher korrigierend und weiterführend eingreifen.

Dieses kritische Verständnis von Aufklärung, das heute als „Reflexive Aufklärung“ verstanden wird, entspricht weitgehend dem Denkmodell der Freimaurerei, bei dem es um Aufklärungskritik und um neue Ansätze zu einer differenzierten Betrachtungsweise der Aufklärung im Spannungsverhältnis zwischen Moderne und Postmoderne geht. Die Freimaurerei befürwortet jenen Vernunftbegriff der Aufklärung der neben dem neuzeitlichen Rationalismus auch die Urteilskraft der Gefühle, die andere Seite der Aufklärung, entsprechend berücksichtige. Durch solche Erkenntnisse über Bedingungen und Grenzen der Vernunft wird die Aufklärung im freimaurerischen Verständnis nicht überwunden, sondern kritisch weiterentwickelt.

Auswahlbibliographie

K. 0. Apel, Diskurs und Verantwortung, Frankfurt/M. 1988.
K. 0. v. Aretin (Hg.), Der aufgeklärte Absolutismus, Köln 1974
Z . Bauman, Ansichten der Postmoderne, Hamburg 1995.
Z. Bauman, Moderne und Ambivalenz – Das Ende der Eindeutigkeit, Frankfurt/M. 1995
U. Beck, Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne, Frankfurt/M. 1986.
U. Beck, Die Erfindung des Politischen, Frankfurt/M. 1993.
K. v. Beyme, Die politischen Theorien der Gegenwart, München 1986.
H. Böckerstette, Aporien der Freiheit und ihre Aufklärung durch Kant, Stuttgart/Bad Cannstadt 1982.
P. Burg, Kant und die Französische Revolution, Berlin 1974
F. Caora, „Wendezeit. Bausteine für ein neues Weltbild“, München 1988.
H. G. Deggau, Die Aporien der Rechtslehre Kants, Stuttgart/Bad Cannstadt 1983
Chr. Demmerling, G. Gabriel, Th. Rentsch (Hg.), Vernunft und Lebenspraxis. Philosophische Studien zu den Bedingungen einer rationalen Kultur, Frankfurt/M. 1995-
H. P. Dürr, W. Gh. Zimmerli (Hg.), Geist und Natur. Über den Widerspruch zwischen naturwissenschaftlicher Erkenntnis und philosophischer Welterfahrung“, Bern/München/Wien 1989

Comments are closed.