Die beschleunigte Gesellschaft

Die beschleunigte Gesellschaft in der digitalen Ökonomie

Vortrag von Professor Dr. Peter Glotz, Direktor am Institut für Medien- und Kommunikationsmanagement der Universität St. Gallen vor Freimaurern und Gästen in der „Brudertreue“

Meine sehr verehrten Damen und Herren

Kürzlich sollte ich auf einem Seminar der Schweizer Regierungsräte einen Vortrag halten. Man gab mir den Satz vor: Was hat es also mit der beschleunigten Gesellschaft auf sich?

Hierzu möchte ich meine Position gleich von Anfang an klarstellen. Beschleunigung ist kein „Ideal“. Meine These lautet: Beschleunigung ist einer von vier Basistrends einer neuen Form der Marktwirtschaft, die ich „digitalen Kapitalismus“ nenne. Ich bin sehr dafür, dass sich die Menschen soviel Beschaulichkeit erhalten, wie das möglich ist. Ich fürchte nur, dass diejenigen, die aktiv am Wirtschaftsprozess dieser digitalen Ökonomie teilnehmen wollen, ein sehr intelligentes Zeitmanagement betreiben müssen, um sich Beschaulichkeit zu erhalten. Ein „Ideal“ ist die Beschleunigung nicht. Aber ein Mechanismus den die Politik so leicht nicht ausser Kraft setzen kann.

Meine Grundthese lautet also: Die digitale Ökonomie oder der digitale Kapitalismus, wie immer Sie diese neue Verlaufsform der Marktwirtschaft nennen wollen, ist von vier grossen Tendenzen geprägt. Der mächtigste Trend ist die Beschleunigung. Das Internet verkürzt die Lebenszeit von Produkten, hebt den „Time to Market“ Prozess hervor und setzt so den gesamten Lebensrhythmus des produktivistischen Kerns unserer Gesellschaften unter Geschwindigkeitsdruck. Gleichzeitig wird die Dynamik der internationalen Finanzmärkte extrem beschleunigt. Wenn in New York die Börse schliesst, öffnet sie an irgend einem anderen Platz der Welt. Spekulatives Kapital realisiert mit dem Kauf und Verkauf von Aktien, Devisen und Derivaten enorme Gewinne oder (Verluste). Der Jahresumsatz an der New Yorker Börse hat im Jahr 2000 annähernd 11 Billionen US Dollar erreicht und übertraf damit das Bruttoinlandsprodukt der Vereinigten Staaten, das 9 Billionen betrug. Das heisst: Die Finanzmärkte haben heutzutage eine weit grössere Bedeutung als jegliche produktive Tätigkeit.

Der zweite grosse Trend ist die Globalisierung. Sie ist nicht nur Handelsverflechtung, sie ist vor allem Kulturverflechtung, jedenfalls kulturelle Berührung, Ansteckung, Entzündung. Aber sie schafft natürlich auch neue ökonomische Verflechtungen, zum Beispiel durch die Internationalisierung vieler Branchen. Die Börse schafft eine neue Aquisitionswährung, Cash is trash und AOL konnte – weil Steve Case den richtigen Zeitpunkt erspürte – den grossen und traditionsreichen Konzern Time Warner mit Hilfe von Aktien kaufen. Vodafone übernahm in einem Unfriendly Takeover Mannesmann, Olivetti die Telecom Italia und die Deutsche Telekom kaufte sich die fünftgrössten amerikanischen Mobilfunker. Wer nicht international expandiert, kann – in diesen Branchen – schnell übernommen werden. Global Player aber entwachsen ihren Stammländern. Von den hundert grössten Wirtschaftseinheiten der Welt sind 51 Unternehmen und nur noch 49 Nationalstaaten.

Der digitale Kapitalismus wird noch durch zwei weitere Basistrends vorangetrieben. Die Dematerialisierung, der Weg von der Hardware- zur Softwaregesellschaft, bezeichnet den Schritt von der Stoffbearbeitung zur Informationsverarbeitung. Die Symbolanalytiker, „Knowledge Worker“ übernehmen die Führung. Die Konsequenz dieser „Dematerialisierung“ ist eine doppelte. Einmal machen Produktivitätszuwächse allerhand Arbeitsplätze überflüssig. Ralf Dahrendorf hat es am härtesten formuliert: „Für die Hightech Ökonomie und ihr Wachstum ist die Mehrheit der Arbeitsfähigen entbehrlich“. Das mit der Mehrheit halte ich für übertrieben. Aber viele Arbeitsfähige werden in der Tat entbehrlich. Zum anderen sind die meisten wissensbestimmten Jobs nur erreichbar für Leute, die sowohl begabt als auch gut und kontinuierlich ausgebildet worden sind. Die Wissensgesellschaft ist keine Gesellschaft der Wissenden, sondern eine Gesellschaft, in der die Wissenden das Sagen haben. Vielen Arbeitswilligen bleiben bad Jobs und personale Dienstleistungen.

Bleibt die Dezentralisierung als Ergebnis der mikorelektronischen Revolution, materialisiert im Personal Computer. Outsourcing, Molekularisierung von grossen Unternehmen, niedrige Markteintrittsschranken für kleine Unternehmen, unmerkliche Grenzübertritte, Arbitrage, Steuerdumping, neue und verstärkte Selbstständigkeit – verbunden mit geringerer sozialer Sicherheit – sind die Stichworte. Gipfelbündnisse wie zum Beispiel das deutsche „Bündnis für Arbeit“, Flächentarifverträge und Grossorganisationen werden unwirksamer. Die Regierbarkeit, die „Governance“ wird schwieriger.

Wir bewegen uns also in eine neue Phase der Marktwirtschaft hinein. Unsere Gesellschaften werden zwischen 2009 und 2014 ganz von der digitalen Technologie durchdrungen sein. Die „New Economy“ war nur ein Hüpfer, eine Zwischenphase, ein vorbeiwischender Hype. Es gibt keinen Weg zurück in die Industrieökonomie (die aber, mit 15% Erwerbstätigen, ein Teil der neuen ökonomischen Struktur bleiben wird). Die digitale Ökonomie aber schafft neue Rahmenbedingungen für Politik, und zwar kompliziertere. Das Beziehungsfeld des Politischen wandelt sich.

Das, was geschieht, kann ich hier nur andeuten. Im Säurebad des digitalen Kapitalismus zerfallen tragenden Wände der Staatlichkeit. Ich rede nicht von Staatszerfall. So etwas gibt es; man denke an Afghanistan. In der Schweiz gibt es selbstverständlich noch genug Staat. Aber auch hier wird er eingriffsschwächer, motivationsunfähiger.
Ich trage nur wenige Belege zusammen:

  • So verliert der Nationalstaat seine Zinssouveränität; die in vielen Fällen hohe Verschuldung macht keynesianische Arbeitsbeschaffungsprogramme fragwürdig. Der „Kampf gegen Arbeitslosigkeit“ muss vor allem durch Deregulierung des Arbeitsmarktes, also Massnahmen zu Lasten der Beschäftigten betrieben werden.
  • Gleichzeitig wandelt sich dieser Nationalstaat vom Monopol zum Club. Man kann – zumindest teilweise – austreten. Viele multinationale Unternehmen tun das auch. Der deutsche Jurist Christoph Engel hat das Bild von der Cafeteria gebraucht. Früher musste sich jeder Schweizer oder jeder Deutsche allen Regulierungen unterwerfen, die der jeweilige Staat erliess. Jetzt könne jeder, eben wie in einer Cafeteria, nur das verzehren, was ihm schmecke. Die Chancen der Abwanderung sind gross.
  • Seit 1989/1990, also seit dem Zerfall der bipolaren Ordnung des „Kalten Kriegs“ löst sich im übrigen das staatliche Gewaltmonopol in vielen Regionen zugunsten rivalisierender und privater Akteure auf. Das gilt natürlich nicht für die Schweiz. Es gilt auch nicht für Deutschland. Beispiele sind aber der Kaukasus, der Balkan, selbst die Ukraine oder Russland. Privatisierte Gewalt wird, wie im dreissigjährigen Krieg, immer mächtiger und gefährdet elementare Menschenrechte. Der englische Historiker Neill Fergueson: „Die zentrale Regierung verliert ihre Rechtmässigkeit als Wirtschaftsplaner und ethnische Minderheiten wählen separatistische Parteien“.

Michael Hardt und Antonio Negri haben inzwischen von Links abgesegnet, was das erste mal 1927 von Rechts konstatiert worden ist. Damals, 1927, hatte der ebenso grosse wie opportunistische Jurist Carl Schmitt gesagt: „Die Epoche der Staatlichkeit geht jetzt zu Ende. Darüber ist kein Wort mehr zu verlieren.“ Hardt und Negri sagten 73 Jahre später: „Das neue Paradigma ist definiert durch den endgültigen Abstieg des souveränen Nationalstaats, durch die Deregulierung der internationalen Märkte, durch das Ende antagonistischer Konflikte zwischen Staatssubjekten“. An die Stelle der Nationalstaaten tritt laut Hardt und Negri das „Empire“: Ein undurchsichtiges Gemisch: Die Vereinten Nationen, der internationale Währungsfonds, die Weltbank, die Nato, die EU, die OECD und hinter all diesen Fassaden natürlich die Hegemonialmacht USA, aber in der Regel auch nicht ungebunden, ungehindert und ellbogenfrei. Wie aber beeinflusst man das Empire? Wie macht man Politik gegen den neuen Leviatan? Vor allem aus der Position der Schweiz heraus?

Bevor ich darauf eingehe, versuche ich, zu schildern, was der Beschleunigungszwang in unserer Gesellschaft bewirkt. Ich behaupte: Eine Entwicklung unserer Gesellschaften zu Zwei Drittel Gesellschaften. Die oberen zwei Drittel, der Zwei Drittel Block – angeführt von den Symbolanalytikern, den Informationsverarbeitern – nimmt alle produktiv Tätigen mit, die Reste der Agrargesellschaft und die Hausfrauen eingeschlossen. In den oberen Etagen dieses Zwei Drittel Blocks lebt man in Ländern wie der Schweiz oder Deutschland oder Österreich ganz vorzüglich. Aber auch in den unteren Etagen verfügt man, international gesehen, über einen akzeptablen oder jedenfalls einigermassen akzeptablen Lebensstandard. Daneben gibt es das dritte Drittel. Dort sind einerseits die, die keine wettbewerbsfähigen Arbeitsplätze bekommen, also die Arbeitslosen. Dorthin gehören aber auch die, die den Beschleunigungsdruck der digitalen Ökonomie nicht akzeptieren. In den Vereinigten Staaten nennt man sie die Down-Shifter, also Leute, die auf Geld verzichten, um Zeit einzulösen. Der in Wien lebende Trendforscher Matthias Horx hat die Situation folgendermassen geschildert: „Unsere Gesellschaft wird sich den Luxus von 20% Ausrangierten leisten, die ihr Leben vor 35 Fernsehprogrammen fristen, sich auskömmlich bei Aldi, Hofer und Penny versorgen. Bei haushälterischem Sinn reicht es sogar gelegentlich zu Billigflügen nach Mallorca. Schon heute liegt der Anteil der „ökonomisch Randständigen“ in Deutschland bei fast 20%. In England spricht man inzwischen von einer neuen Klasse der „ökonomisch Inaktiven“. Ältere Männer die von der Sozialhilfe leben, jüngere, die gar nicht erst den Einstieg schaffen, verabschieden sich aus den Statistiken. Sie bilden einen eigenen Lebensstil aus Resignation und Schwarzarbeit, eine Schattengesellschaft der Randständigen.“

Diese Minderheit ist gerade dabei, sich wieder einmal eine eigene, neue Welt von Werten und Normen zu entwickeln. Das ist ein legitimer Vorgang. Man muss sich wehren dürfen. Denn diesen Leuten wird entgegengehalten, sie seien faul und untüchtig und hätten die Tugenden der Marktwirtschaft verraten. Die Antwort auf die Beschleunigung, die der digitale Kapitalismus hervorbringt lautet Entschleunigung. Daraus entwickelt sich gerade eine regelrechte Philosophie. Die Schlüsselworte heissen Nachdenklichkeit, Sinn, Leben jenseits der Ökonomie, Ökologie, Gemeinsinn und eben Entschleunigung.

Gelegentlich geht es ziemlich aggressiv zu. Auf der Homepage der „Glücklichen Arbeitslosen“, einer Arbeitsloseninitiative aus Berlin steht zum Beispiel: „Wer möchte gern wie ein gestresster Manager leben, wer will sich den Kopf mit seinen sinnlosen Ziffernreihen vollstopfen, es mit seinen blondgefärbten Sekretärinnen treiben, seinen gefälschten Bordeaux trinken und an einem Herzinfarkt verrecken? Wir wünschen uns eine andere Art von Eingliederung.“

Inzwischen dröhnt uns der Streit dieser Wertsysteme in den Ohren. Noch ist die Ideologie des Zweidrittelblocks dominant, die des dritten Drittels unterlegen. Aber wie lange? Schon ziehen sich Manager in die abgelegene Klöster zurück, um sich von teuer bezahlten Gurus Augustinus, Konfuzius oder Teilhard de Chardin auslegen zu lassen. In den Ecken vieler Parks vermehrt sich die Zahl ganz normal aussehender Leute – eigentlich denkt man, das sind „Arbeitnehmer“ – , die langsam seltsame Verrenkungen machen und dabei irgendwelche Laute ausstossen. Wenn man sich informiert, hört man, diese Übung heisse Tai Chi und werden von Yin- und Yang-Formeln begleitet. Die Sehnsucht nach dem interpretativen Mehrwert von Religion wächst; allerdings richtet sie sich immer weniger auf die Volkskirchen. Die Tochter dreht dem Vater das Wasser ab, das er beim Rasieren laufen lässt, im Hinblick aufs Wasserproblem auf der südlichen Halbkugel. Unter den Mischehen zwischen den beiden Klassen explodieren die Konflikte. Ich bin nicht dazu da, darauf aufzupassen, dass sich unser Kind beim Herumkrabbeln nicht den Kopf anstösst, das kann auch ein nettes, kinderliebes Mädchen mit qualifiziertem Hauptschulabschluss, brüllt der aufsteigende Enddreissiger, der in einer Beratungsfirma gerade „Partner“ geworden ist. Ich habe dich nicht geheiratet, um ständig allein und in dieser Scheissvilla begraben zu sein, antwortet ihm seine Frau. Warum, fragt die MIT-Psychologin Sherry Turkle, soll es gerechtfertigt sein, dass ein Börsenmakler mit seinem 14-Stunden-Tag hoch angesehen sei, während ein „unbezahlter“ Spielmacher in einem Computerspiel, einem Multi-User-Dungeon, der ebenso lange im Cyberspace verbringt, als „Süchtiger“ gelte? Es fliegen die Fetzen, und das, was wir heute erleben, ist nur der Anfang.

Wie weit kann, wie weit soll sich die Schweiz nun solchen internationalen ökonomischen Bewegungen entziehen, wie ich sie gerade geschildert habe? Einerseits ist klar: Als „selige Insel“ ist auch die Schweiz nicht konzipierbar. Es gibt Strukturmerkmale, der digitalen Ökonomie, die auch dieses Land beeinflussen. Dazu gehört die Internationalisierung bestimmter Branchen, zum Beispiel der Telekommunikation, der Biotechnologie, der Luftfahrtunternehmen. Wenn Ferngespräche zu teuer sind, kann man sie über London abwickeln. Man wird nur dann direkt von Zürich nach Los Angeles fliegen, wenn der Flug von München nach Los Angeles nicht extrem viel billiger ist; umso mehr gilt das für Genf. Auch die Grundbedingungen der „Wissengesellschaft“ werden in der Schweiz durchschlagen wie anderswo, das heisst auch dieses Land wird ein „drittes Drittel“ bekommen, mit ökonomisch Inaktiven und Randständigen. Der Beschleunigungsdruck wird auch in produktivistischen Block der Schweiz wachsen, obwohl die extremen Mobilitätsanforderungen des amerikanischen Kapitalismus nicht akzeptiert werden müssen und nicht akzeptiert werden werden. Die ethnischen Gruppen werden fester zusammenhalten als anderswo, weil die Schweiz eine alte Tradition kommunikativer Rücksicht zwischen den Sprachgemeinschaften entwickelt hat. Aber auch der Schweizerstaat wird auf die Dauer eingriffschwächer werden.
Auf der anderen Seite ist die Schweiz so ziemlich der einzige kleinere europäische Staat, der eine Chance zur Eigenständigkeit behält. Das liegt an beispielhaft vorausschauend konzipierten Institutionen und Regelungen, zum Beispiel der AHV und der Organisation der Einwanderung. Es liegt auch an einer traditionell starken Exportindustrie und einem starken, nur mit Baden Württemberg oder Oberitalien vergleichbaren Mittelstand; und natürlich der besonderen Rolle als Finanzplatz. An der mag noch geschliffen werden. Streit darüber gibt es genug. Aber dass die Schweiz nicht die Geldwaschanlage Europas sein darf, ist doch die deutliche Mehrheitsmeinung. Kompromisse mit der Europäischen Union werden Zähigkeit verlangen, sind aber möglich.

Ich verstehe also, dass eine Mehrheit der Schweizer nach Abschluss der Bilateralen Verträge mit einer Entscheidung über den Beitritt zur Europäischen Union noch warten will. Bis 2004 soll einerseits der gerade geschaffene Konvent der Europäischen Union eine neue Europäische Verfassung vorlegen, gleichzeitig sollen zu diesem Termin 10 neue Mitglieder aufgenommen werden. Für 2006 steht eine neue Finanzverfassung an. Leicht möglich, dass sich die Europäische Union zwischen 2004 und 2006 in einer grossen Krise befinden wird. Also hat eine Vertagung der Schweizer Entscheidung bis zu diesem Zeitpunkt einige pragmatische Vernunft für sich. Vom Terrorismus muss das Land nicht verschont bleiben. Es ist zwar weniger Aggressionsobjekt als Deutschland oder England, aber als aufgeklärte und laizistische Gesellschaft doch unverbrüchlicher Teil des bei manchen islamistischen Strömungen verhassten Westens. Immerhin musste die Schweiz nach dem 11.09.01 in Washington nicht zum Beauty Contest antreten; und zwar nicht, weil man sich aus irgendeiner Solidarität ausschlösse, sondern weil man über eine jahrhunderte lange Tradition der wehrhaften Neutralität verfügt. Das schützt, jedenfalls bis zu einem bestimmten Grad.

Die Grundtendenzen des digitalen Kapitalismus werden die Schweizer aber genauso erfassen wie ihre Nachbarn. Sie muss versuchen, ihren eigenen Weg fortzusetzen. Schweizer Marktwirtschaft ist etwas anderes als kalifornische, schwedische oder deutsche Marktwirtschaft. Flexibilität und Widerstandsfähigkeit ergänzen einander. Die Schweiz wird beide Tugenden brauchen.

Ich schliesse mit der Bemerkung, dass die Psychologen und die Ärzte mehr zu tun bekommen werden. Es gibt gehetzte Existenzen, krankmachende Geschwindigkeit, zur Gewohnheit gewordene Unrast, in der Betriebswirtschaft im Übrigen sogar die Kanibalisierung von Produktgenerationen. Insofern macht die viel zitierte „Entdeckung der Langsamkeit“ gelegentlich durchaus Sinn. Jedes Leben braucht seine Beschleunigung- und Entschleunigungsphasen. Aber Entschleunigung ist keine universelle Ideologie, die uns vor dem Kapitalismus bewahren könnte. Es gibt zwei Stränge, um die wir uns bemühen müssen. Jeder einzelne muss versuchen, mit den Konflikten umzugehen, die die Beschleunigung in seinem Leben auslöst. Zweitens aber dürfen wir das Thema nicht einfach privatisieren. Die Politik ist schwächer geworden in den letzten drei Jahrzehnten, die Wirtschaft stärker. Aber die Politik ist nicht machtlos. Auch hat die Schweiz eine andere Rolle als die grossen europäischen Flächenstaaten. Die Schweizer Politik kann das eine oder andere bewirken, was in Deutschland, England oder Frankreich unmöglich ist. Ich plädiere also davor, vor den Herausforderungen der digitalen Ökonomie die Augen nicht zu verschliessen. Diese digitale Ökonomie wird auch in die Schweiz hineinwirken. Man muss sich diesen Tendenzen allerdings weder in die Arme werfen, noch muss man gar vor ihnen kapitulieren. Man kann sie gestalten.

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