Ich – Selbst – Bewusst – Sein

Ich – Selbst – Bewusst – Sein

Ich
Ich ist die Bezeichnung für die eigene separate individuelle Identität einer menschlichen Person, zurückweisend auf das Selbst des Aussagenden. In der sprachlichen Verwendung eines Bezugs ist das Ich in den Begriff der Deixis (Hier-Jetzt-Ich-Origo) eingebunden, die der grammatikalischen Funktion einer ersten Person in der Einzahl entspricht.
Allgemein geht man davon aus, dass nur der Mensch sich seines Ichs bewusst sei. Einige wissenschaftliche Studien besagen, dass auch diverse Affenarten, Delfine, Elefanten und Elstern ein Ich-Bewusstsein besitzen. Dies wird unter anderem darauf begründet, dass sich Exemplare dieser Tierarten im Spiegel selbst erkennen.
Uns Menschen genügt es nicht zu existieren, wir möchten auch wissen, was die Urgründe unseres Daseins sind. Antworten darauf gaben bis heute eine Reihe von Philosophen.
René Descartes erkannte im Denken den Beweis für die eigene Existenz und definierte den Menschen folglich als geistiges Wesen, das nur zufällig und vorübergehend in einem Körper steckt – ein vorschneller Schluss.
Ludwig Wittgenstein sah im Ich lediglich ein sprachliches Konstrukt, das jeder reellen Basis entbehrt; doch von der Natur der Sprache lässt sich nicht ohne weiteres auf die Natur der Welt und des Menschen schließen.

Gestützt auf Erkenntnisse aus Neurowissenschaft und Psychologie, betrachtet die moderne Philosophie den Menschen als biologisches Wesen mit geistigen Fähigkeiten, die auf natürlichen Eigenschaften beruhen; Ich-Gefühl und Selbstbild erwachsen aus der Abgrenzung der eigenen Person von der Außenwelt und ihrer Spiegelung im anderen.
Für Emil Steinjar gilt, dass man das ICH als geistiges Wesen so deutlich ins Bewusstsein ruft und es so stark macht, dass es unter keinen Umständen mehr von anderen Wesensteilchen verdrängt werden kann. Dass es sich bei diesem Wesen nicht mehr um das gleiche Wesen handelt, mit dem sich das ICH im normalen halbbewussten Alltagszustand identifiziert, ist klar. Es ist aber auch kein anderes ICH. Es ist ein Teil vom ICH, der wachsen muss, während der andere, irdisch ausgerichtete, schwindet. Ein Prozess, der sich über Jahrzehnte hinstreckt und immer wieder aufs Neue bewusst in Gang gesetzt werden muss.
Für mich persönlich ist das ICH ein Teil von mir selbst, der sich aus Erfahrungen und Erlebnissen zusammensetzt, die ich im Laufe meines bisherigen Lebens errungen habe und den ich in Zukunft gezielt formen und veredeln kann. Mein ICH ist mit Hilfe meiner selbst in der Lage, sich Wissen, Liebe und Erkenntnis anzueignen und dadurch Weisheit zu erlangen.

Selbst
Selbst ist ein uneinheitlich verwendeter Begriff mit psychologischen, soziologischen, philosophischen und theologischen Bedeutungsvarianten. Im introspektiven Sinn, also in Bezug auf die Empfindung, ein einheitliches, konsistent fühlendes, denkendes und handelndes Wesen zu sein, dient er zur Reflexion, Verstärkung und Betonung des Begriffs Ich.
William James unterschied das erkennende Selbst vom erkannten Selbst. In dieser Tradition unterscheidet die Psychologie das Selbstkonzept, also die Antwort auf die Frage „Wer bin ich?“, vom Nachdenken über sich selbst, der Selbstaufmerksamkeit. Gemeinsam erzeugen sie das Gefühl einer Ich-Identität, welche sich im Zuge der Ich-Entwicklung verändert.

Selbstdarstellung
Ich denke, also bin ich, das war früher. Die Selbst Wahrnehmung ist im Zuge der digitalen Revolution mit der Vernetzung und dem synergiestreben mutiert zu „ich dokumentiere mich, also bin ich.“
Wer mit den Skiern den Hang hinunter saust, konzentriert sich tendenziell weniger auf den Augenblick und seine Empfindungen, sondern auf den Wert der Aufzeichnung. Die Aufmerksamkeit wird vom Erleben der Realität, von der Sinneswahrnehmung zunehmend auf die Aufzeichnung der selbigen, also auf eine kognitive Sachebene verlegt.
Letzthin fiel mir bei einer Veranstaltung ein sehr selbstbewusst auftretender Moderator auf.
Ich überlegte mir, ob er wohl merkt wie er auf seine Umgebung wirkt, ob er sich wohl Selbst – Bewusst ist, oder spielt er vielleicht die Rolle eines Bewusstlosen Selbstdarstellers? Hat er die geistige Grösse, Sich selber in Frage zu stellen? – Ich weiss es nicht, aber es stellt sich die Frage, ob jeder selbstbewusst auftretender Mensch „Sich Selbst“ bewusst ist und sich auch selbst erkennt.

Persönliche Erfahrung
Bei der königlichen Kunst praktizieren wir die ständige Arbeit an uns selbst, das uns zu einem menschlicheren Verhalten führt. In der Lehrlingszeit ist neben der Arbeit am rauen Stein die Hauptaufgabe „schaue in Dich und erkenne Dich selbst“ Dies ist so einfach gesagt bzw. geschrieben, dennoch ist dies ein nicht so einfaches unterfangen, sich selbst zu erkennen. Meine geliebten Brüder, ich möchte Euch hier an einem besonderen Erlebnis von mir teilhaben lassen, nennen wir es das „Pickel – Erlebnis“:

Vor einigen Wochen betrat ich, wie jeden Morgen, das Badezimmer, ergriff die sich im Zahnputzbecher befindliche Zahnbürste und schaute in den Spiegel. Mir fiel ein kleiner roter Punkt auf meiner Nasenspitze auf. Sogleich holte ich meine Lesebrille und entdeckte einen sich noch im Anfangsstadium befindlichen Pickel. Meine Erkenntnis war: „Ich bekomme einen Pickel direkt auf der Nasenspitze.“ Beim näheren Betrachten dieses gefühlten Fremdkörpers glitt mein Blick im Spiegel etwas nach oben ab und plötzlich sah ich mir in meine Augen. Der Blick verharrte und ich konnte ihn auch nicht lösen – ich schmunzelte und stellte fest, ER bekommt einen Pickel – dies war ein sehr angenehmes Gefühl in diesem spannenden Moment der Erkenntnis, dass ER einen Pickel bekommt. Mein Schmunzeln wurde zu einem leichten Lächeln, denn auf einmal stellte sich mir die Frage nicht mehr, wer da einen Pickel bekommt, ich hatte vielmehr das Gefühl, ich wisse wer ich bin und ich war nicht der, der aus dem Spiegel schaute. Ich hatte den Eindruck, ich sehe mich selbst und wusste, dass ich selbst keinen Pickel habe. Mittlerweile löste ich meinen Blick vom Spiegel und dachte mir, jetzt ist es soweit – ich werde im Alter noch schizophren. Dieser Gedanke war für mich seltsam komisch, ich nahm ihn aber so zur Kenntnis und verliess (immer noch schmunzelnd) das Bad. Im Vorzimmer begegnete ich meiner Frau. Da ich anscheinend immer noch leicht schmunzelte, fragte Sie mich, was ich habe, warum ich lächle und ob es mir gut geht? Ich wusste, dass ich jetzt meine soeben gemachte Erfahrung nicht plausibel erklären konnte, ohne für verrückt erklärt zu werden. Eigentlich schmunzelte ich ja, weil ich mich im Spiegel sah. Ich fing an richtig zu lachen und antwortete meiner Frau: „Uns geht es gut.“
Ich denke oft an dieses Erlebnis, da ich dieses Gefühl, mich selbst zu sehen, sehr spannend fand.
Anmerkung: Ich bin nicht schizophren 😉 Habe ich ein wandelbares ich?

Im laufe des Tages pendle ich zwischen verschiedenen Ichs:

  • Das erwachsenen – ich ( in der geschäftlichen Besprechung, wo ich als Fachmann agiere ),
  • Das Kindheits – ich (im Beisein einer Person, von der ich lernen möchte oder der ich unterstellt bin / als Trotzreaktion auf eine unwillkommene Situation),
  • das pädagogische ich ( als Erzieher oder Patron vom City Tower ),

Je nach Herkunft, Aufgabe, Funktion und Art der Beziehung wechsle ich mein ich-selbst-bewusstsein automatisch und selbstverständlich und jedes davon ist authentisch. Ich bin also mehrere, was zu Richard David Brechts Buchtitel „wer bin ich und wenn ja, wie viele?“ passt. Fällt eines weg, bin ich nicht komplett. Ich brauche ergo, um als Mensch in der Balance zu bleiben, die verschiedenen Ichs und auch die Erfahrung, sowohl unter-, wie auch überlegen zu sein. Würden mir diese Rollen fehlen, wäre ich womöglich nicht empathisch.

Jetzt kommt die Empathie ins Spiel
Empathie wäre demnach die nächsthöhere Liga. Wenn ich es bewältige, meiner eigenen ichs und ihrer Vielfalt bewusst zu werden, dann gelingt mir am ehesten der Tauchgang in mein gegenüber. Ich bin durch die Aufmerksamkeit, die ich mir selbst entgegenbringe in der Lage, die Signale meines Mitmenschen aufzunehmen und mit ihm zu sein. Das ist vermutlich die Voraussetzung für die Seelenverwandtschaft. Wenn sich die Grenzen zwischen den verschiedenen Individuen aufzulösen zu scheinen, dann haben wir uns selber gespürt.

Von diesen Erkenntnissen ausgehend erhält das christliche Gebot „liebe deinen Nächsten wie dich Selbst“ eine andere Dimension. Was als Befehl von „oben“ daherkommt, entpuppt sich als höhere Form des Seins, die nur erreichen kann, wer den ganzen Regenbogen des menschlichen Wesens an sich selber kennengelernt hat. These daraus: indem du alle deine Ichs in dir entfaltest und bejahst, ist es dir möglich, einer externen Seele gerecht zu werden. Antithese: wer aus gesellschaftlichen oder selbstauferlegten Zwängen heraus zu eingeengt ist, wird seinen Mitmenschen niemals intensiv begegnen können.

Das erklärt eventuell auch, weshalb wir Menschen einander in der Not erst richtig nahekommen. Kennen wir nur unsere sonnigen Seiten, sind wir nicht vollständig und dadurch nicht spürbar. Wir bleiben oberflächlich. Legen Scherben unser ich frei?

Weshalb bin ich jetzt so auf der Empathie herumgeritten? Ich glaube, dass das ICH zu isoliert betrachtet und aus diesem Blickwinkel überbewertet wird. Der Mensch ist ein soziales Wesen, sesshaft und in Gruppen lebend. Er hat keinen Giftstachel und keine Reisszähne. Auch kann er nicht sehr flott rennen, schwimmen oder klettern. Das angewiesen sein auf die Gruppe hat sein selbst aufgeweicht. Da schlummern vermutlich Fähigkeiten, die wir je nach Lebensstil vernachlässigen.
Mir stellt sich jetzt folgende Frage: Kann mein ICH mit einem anderen ICH-Wesen, oder sogar mit mehreren ICHs Verbindung aufnehmen, verschmelzen, sich austauschen oder gar vereinen? Können wir verschiedene ICHs bündeln zu einem grossen, mächtigen WIR? Wenn ja – WIE.

Jetzt sind wir beim „ICH – SELBST“ angelangt
Es ist unumstritten, dass man sich wahrnimmt, man nimmt wahr, dass man ist, weil man denkt und empfindet und man sagt ICH zu sich selbst. Man identifiziert sich mit sich, so wie man sich durch seine Augen heraus wahrnimmt, als eigenständige Person. Diese Person, mit seinem ICH kann sich selbst bewusst werden, sich selbst erkennen und kann von sich sagen – ICH BIN. Ob und wieweit man sich in dieser Stufe wirklich selbst erkennt, ist sehr subjektiv.
Wenn man nun, sowie Franz Bardon, die unterschiedlichen Wahrnehmungen, die das Bewusstsein tragen, in drei Ebenen – Körperempfindungen, Seelenempfindungen und Geistesempfindungen einteilt, dann würde das ICHSELBST den Geistesempfindungen zugeordnet sein, da seiner Meinung nach Gedanken und Vorstellungen dem ICHSELBST viel näher stehen als die Gefühle. Diese Geistesempfindungen werden durch Elementale hervorgerufen. Elementale? = Der Geist be¬herrscht die Materie – oder?
Jedem Ge¬danken und Gefühl oder Emotion, jedem Wort und jeder Handlung folgt Energie. Folglich schöpft auch der Mensch auf diese Weise und setzt damit eine Ursache, die immer eine (Aus-) Wirkung hat. Be¬troffen ist damit das uni¬verselle (kos¬mische) Gesetz der Kau-salität, d. h. das Gesetz von Ursache und Wirkung.
Die Energien, die bei jedem ein¬zelnen Schöp¬fungsakt frei¬gesetzt werden, bilden sog. Ele-mentale. Sie sind im grob stofflichen Sinne kör¬perlos und un¬beseelt und be¬sitzen auch keine Per¬sön¬lichkeit. Und dennoch handelt sich um eine (äthe¬rische) Energie, die Gestalt besitzt, ein eigenes Leben führt und der eine nicht zu un¬ter¬schätzende In¬tel¬ligenz in¬newohnt. – Sven Assmann

Wo Geist ist, ist da auch Bewusstsein?
Es ist nicht möglich, über feinstoffliche Welten eine wissenschaftlich fundierte Aussage zu machen. Meine gefundenen Berichte beruhen alle auf eigenen, subjektiven Erfahrungen der Verfasser. Sind es etwa die Bindungsenergien des Geistes, das was unser Bewusstsein zusammenhält: etwa der Selbsterhaltungstrieb, die Liebe, die Weisheit und unser waches Interesse?
Ich weiss es nicht und kann zu diesem Thema leider „noch keine“ genaueren Aussagen machen. Emil Steinar beschreibt in seinem Buch „Die vier Elemente“ das Bewusstsein in der feinstofflichen Ebene wie folgt:
Auf den feinstofflichen Ebenen gibt es nichts Lebloses oder Unbewusstes, alles, was ist, schwimmt im Licht des Bewusstseins und erlebt sich in dem, was es darstellt. Selbst das kleinste geistige Partikel des feinstofflichen (nicht des sichtbaren) Lichts ist eine elementale lebende Wesenszelle. Sein
Der Begriff des Seins hat den weitesten möglichen Bedeutungsumfang überhaupt, weil er sich auf alles, was denkbar ist, beziehen kann. Alles, was denkbar ist, bedeutet dabei alles, was nicht „nicht ist“. Für Sein und Nichts gilt der Satz vom ausgeschlossenen Dritten. Erst durch den Begriff des Seins wird die Vorstellung von Negation und Differenz möglich. Differenz ist der Übergang vom Sein zum Seienden. Das Sein und das Seiende stehen in einem dialektischen Verhältnis zueinander. Aus dem Sein (These) und dem Nichts (Antithese) ergibt sich durch die Unterscheidbarkeit das Seiende (Synthese).
Für mich ist das SEIN etwas sehr Wertvolles, was mir Zeit gibt, mein Ich kennen zu lernen. Solange ich bin, kann ich selbst an meinem ICH arbeiten. Durch mein SEIN habe ich Gelegenheit, mit anderen Menschen zusammen zu sein, zu lieben, mich zu vermehren und somit einen kleinen Teil zum Wohlbefinden und zur Erhaltung der Menschen beizutragen. Das ist für mich der Sinn meines Seins.
„Und während ich mich so anschaute, entdeckte ich all die wunderbaren Unvollkommenheiten an mir, deren unzählbare Menge die Menschen insgesamt und mich im Besonderen ebenso liebesbedürftig wie liebenswert und so einzigartig machen.“ C. R.

Beenden möchte ich meinen Bauriss mit einem Auszug aus einem alten Ordensmanuskript:

„Die Elementarschule der Weisheit ist, dass du dein ICHSELBST,
dein wahres ICHSELBST allein,
zu deinem Studium und zu deiner Welt machst.“

Aarau, 26. März 2014 – C.R.

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